Ausflug zum Wochenmarkt

Am Montagabend fragte mich Joana, ob ich am Dienstag mit ihr zum Wochenmarkt fahren möchte, um Waren für ihren Shop zu kaufen. Natürlich willigte ich sofort ein, denn die vergangenen Wochen war ich grösstenteils mit den Kids Zuhause und Isaac mit seiner Schwester irgendwo ausserhalb am Sachen erledigen. Obwohl mir bewusst war, dass der Wochenmarkt hier nicht mit unserem vergleichbar ist – wo man ein bisschen bei den Ständen vorbei schlendert, um sich dann zu entscheiden was man einkauft – war ich begeistert von der Idee. Denn was ich dringend nötig hatte, war einfach mal eine Auszeit von den Kids. So sehr ich sie mag, manchmal brauche ich einfach Abstand. 

Als wir zum Auto liefen, kam Leroy angerannt, der wollte unbedingt auch mitkommen. Joana warnte ihn, dass wir zum Markt gehen und er bestimmt mehr Spass Zuhause hätte und sie kein Gejammer haben möchte. Er bestand jedoch immer noch darauf und wollte wirklich unbedingt mitkommen. Also schaute ich Joana an und sagte: Sofern es dir egal ist, kann er ja mitkommen. Leroy ist bald 7 Jahre alt und ziemlich selbständig. 

Auf dem Weg zum Markt standen wir auch schon bald im Stau – was eigentlich nichts spezielles ist in Accra – sobald man ins Auto steigt, weiss man dass man bestimmt mindestens einmal im Stau stehen wird. Dieses Mal standen wir aber ganz schön lange und Ghana-like bildeten sich aus zwei Kolonnen einfach plötzlich drei. Da kamen wir erst recht nicht mehr weiter, da die dritte Kolonne sich irgendwann wieder zurück zu zwei bilden musste. Innerlich war ich genervt, da es dazu noch so heiss war. Wer mich kennt, liess ich mir natürlich äusserlich nichts anmerken. Leroy wusste irgendwann nicht mehr, wie er sitzen soll und wurde ungeduldig. Joana wohl auch, da sagte sie: „I told you, you shouldn’t come, you should have stayed at home!“ („Ich habe dir gesagt, du sollst nicht mitkommen, du hättest Zuhause bleiben sollen.“)

Irgendwann sagte sie mir, dass wir eigentlich bereits beim Markt seien, aber der Parkplatz noch weiter vorne sei. Hier in der Umgebung stehen eigentlich immer Marktstände / Container auch bekannt als Shops. Angeblich gibt es aber am Wochenmarkt einfach viel mehr Marktstände als sonst. Und darum reisen alle Menschen von jeder Richtung hierhin, da es beim Wochenmarkt jeweils günstiger sei. Da wir nicht wussten, wie lange es noch geht, vertrieben wir uns die Zeit und quatschten miteinander. Da erzählte ich ihr von meinem Erlebnis, als ich einmal mit Leroy in der Umgebung vom Haus Tomaten kaufen ging;

„Du hast mir doch gesagt, ich soll zu Auntie Glory gehen, also machte ich mich mit Leroy auf den Weg. Bereits bei der ersten Seitenstrasse wurden wir von einer Frau, welche gerade im Shop arbeitete angehalten. Die freute sich total und rief: heeeyy Obroni, how are you? What’s your name? Come and seat with me!“ (Was soviel bedeuted wie: Hey Weisse, wie geht es dir? Wie ist dein Name? Komm und setze dich zu mir!) Als ich dann ein paar Tage später erfuhr, dass niemand aus der Umgebung diese Frau mag, weil sie so grimmig ist, konnte ich es fast nicht glauben.“ Auch Joana bestätigte es mir: „Oh doch, wenn du wüsstest was das für eine Frau ist.“ Und erzählte mir dann ein paar Geschichten, warum einige hier in der Umgebung Mühe mit ihr haben. Da musste ich schmunzeln und dachte mir meine Sache dabei. Dann erzählte ich ihr noch von meiner Begegnung von dem Mann, welcher unser Eingangstor machen wird; 

Auch er hatte total Freude, mir über den Weg zu laufen und wollte mich auch gleich zu Auntie Glory begleiten. Als wir dann bei ihr ankamen, waren alle ihre Tomaten leider verschimmelt. Da meinte er: „Komm, ich zeige dir ein anderer Shop, der bestimmt auch Tomaten hat.“ Also liefen wir wieder zurück und kamen nach einigen Strassen hinunter und einige rechts und einige links, dann irgendwann bei einem Shop an. Er sagte mir: „Das ist der Shop von Bebe, wenn du hier in der Umgebung fragst: Wo ist der Shop von Bebe, wird jeder Bescheid wissen.“ Zu meinem Glück hatte der Shop von Bebe Tomaten und so begleitete er mich mit frischen Tomaten im Sack wieder zurück zu unserem Haus und winkte mir fröhlich zu und meinte: „See you“.
Was ich noch erwähnen möchte, tatsächlich, als ich ein paar Tage später zu diesem Shop wollte, um nachzusehen ob es Früchte hat, wusste ich nicht mehr genau, wo ich bei der letzten Strasse hinunter links abbiegen muss. Also fragte ich eine Frau: „Hey, do you know where the shop of Bebe is?“ Da lief die Frau gleich mit uns mit und meinte: „Na klar, komm mit, ich zeige es dir?“ Ach wie ich es liebe, wie die Leute hier so zuvorkommend sind und einem einfach immer helfen möchten.

Zurück im Auto mit Joana meinte ich zu ihr: „Solche Begegnungen finde ich einfach so wunderbar, das würde einem in der Schweiz höchst selten passieren, dass Leute einfach mit dir mitlaufen, um dir zu zeigen, wo es Tomaten gibt. Man könne zum Teil froh sein, dass die Leute für dich überhaupt anhalten, wenn du eine Frage hast.“ Klar bezieht sich das nicht auf alle Menschen in der Schweiz – kommt vermutlich auch ziemlich darauf an, wo du bist – aber leider ist das wirklich oft so und ich wünschte mir, dass wir allgemein – aber besonders bei Menschen die für uns Fremd wirken – mit mehr Offenheit und Nächstenliebe begegnen würden. 

Beim Parkplatz angekommen, fanden wir dann irgendwo noch einen Platz zum parkieren. Der Parkplatz ist normalerweise eine Tankstelle, welche für den Wochenmarkt einfach schnell zu einem Parkplatz umfunktioniert wurde. Die Autos standen kreuz und quer und oftmals fragte ich mich, wie denn die hinteren Autos hier wieder rauskommen. Aber was mir aufgefallen ist, hier in Ghana frage ich mich oft; Wie soll das denn funktionieren, aber irgendwie funktioniert es doch immer irgendwie. Und das finde ich sowas von faszinierend. Wir könnten soviel von diesen Menschen hier lernen, wie innovativ sie sind – wie sie aus wenigen Sachen soviel erreichen. In meinem Umkreis, oder auch ich selbst, höre oft den Satz: „Wenn ich doch bloss dies oder das hätte, dann würde ich….“ Aber was wenn wir einfach mit dem was wir haben, das machen, was damit möglich ist, anstelle einfach gar nichts zu tun? 

Als wir aus dem Auto ausstiegen machten wir uns auf den Weg Richtung Marktstände. Joana lief in einem Tempo, dass ich oftmals fast ein wenig Angst hatte, dass ich mit Leroy an der Hand sie verlieren könnte und keine Ahnung hätte wo ich überhaupt bin. Aber auch hier, es war für mich ein riesiges Chaos, aber alle Menschen rundherum liefen wie im Takt und es funktionierte einfach. Ich kam mir vor, wie so ein Flipper Ball, welcher an den Menschen rundherum abprallte, weil ich nicht im Takt war. Einmal stand ich einer Frau auf die Zehen und als ich mich bei ihr entschuldigen wollte, sagte sie: „Because of that you have to take me to America.“ Da erwiderte: „I am sorry, but I am not from America.“ Und ging schnurrstraks weiter – ich durfte ja Joana nicht verlieren. Und trotzdem, als ich nach vorne blickte, sah ich Joana nicht mehr. Da wurde ich nervös – aber zum Glück hat Leroy seine Mutter mit den Augen weiterverfolgt und sagte mir gleich dass sie links abgebogen ist. Als wir dann auch links abgebogen sind, stand sie da und wartete auf uns.

Bei diesem Markt kann man glaube ich wirklich fast alles finden, von frischem Gemüse, Babynahrung, Reis, Gari (getrockneter und gemahlener Cassava/Maniok), Fisch, Fleisch, Kleider, Kekse und die Liste endet nicht.. 

Gari; diese Frau war die erste, die beim ersten Mal raten einfach erraten hat, dass ich von der Schweiz bin. Hierfür gab sie uns am Schluss noch ein bisschen mehr dazu und sagte: This is for Switzerland. We will meet there!
Verschiedene Reissorten in riesigen Säcken

Mal begegnet man einem Priester, der gerade in voller Lautstärke durch die Musikboxen von Jesus und der Bibel erzählt und ein paar Stände weiter erklingt extrem laute Musik und Männer tanzen mit einem Getränk auf dem Kopf dazu mit. Es hat nach einer Art Werbung für dieses Getränk ausgesehen. Ghana-Market ist etwas, was man glaube ich einfach mal selber Live miterleben muss.

Als wir irgendwann, sämtliche Einkäufe besorgt haben – es waren sehr viele – liefen wir mit dem Junge, welcher unsere Einkäufe stets mit einer Art Schubkarre hinterher schob, zurück zum Auto. Im Auto eingestiegen, merkte ich, dass ich richtig Hunger habe. Zum guten Glück hat Joana, auf dem Weg zurück „Kɔkɔɔ a ya tutu“ gekauft, das sind gegrillte Kochbananen mit Erdnüssen. Mmmmh, lecker; irgendwann sass ich wieder im Auto, ass meine Kɔkɔɔ a ya tutu gedippt in den Erdnüssen (welche meiner Meinung sooo viel besser sind, als die Erdnüsse die ich aus der Schweiz kenne) und liess die Eindrücke auf mich wirken. Was für ein Erlebnis – wie wird das wohl, wenn ich das dann irgendwann alleine machen muss? Das wird wohl eine Challenge.. 

Die Schubkarre mit unseren Einkäufe. Diese kamen einem übrigens auch immer in einem enormen Tempo entgegen, manchmal hat man diese hinter den anderen Menschen gar nicht kommen sehen.
„Kɔkɔɔ a ya tutu“ – gegrillte Kochbananen und in diesem Bild oben in der Mitte sieht man die abgepackten Erdnüsse

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