Es ist Zeit Abschied zu nehmen

Das Leben nimmt manchmal seinen Lauf und es passieren Dinge, welche man so nie erwartet hätte. Und genau das passiert uns Momentan. Zu Beginn von diesem Blog habe ich mich etwas schwer getan, über meine negativen Gefühle zu schreiben und dennoch habe ich mich entschlossen, diesen Blog authentisch und lebensnah zu schreiben. Deshalb habe ich mich zusammen mit Isaac entschieden, diese Erfahrung mit euch zu teilen. Eventuell liest ihn ja jemand, der sich gerade in einer ähnlichen Lebenssituation befindet und meine nächsten Worte vielleicht sogar weiterhelfen können. Und irgendwo durch ist es auch eine Art Verarbeitung für mich selbst. 

Als wir uns anfangs September auf den Weg nach Ghana machten, waren wir voller Euphorie, so sehr freuten wir uns auf die nächsten Monaten. Die Vorstellung, endlich Zeit mit Isaac’s Familie zu verbringen und seine Wurzeln unteranderem mit neuen Bekanntschaften – welche wir knüpfen wollten – näher   kennen zu lernen, brachte uns immer zum strahlen. Als wir noch in der Schweiz waren, schwärmten wir jeweils Abends, wenn die Kinder im Bett waren oder auch am Mittags- und Abendtisch über unsere Wünsche und Pläne.

Als wir dann am 1. September endlich in Accra gelandet sind, habt ihr wohl in meinem 2. Blog Artikel mitbekommen (falls nicht könnt ihr diesen gerne hier nachlesen ), dass Isaac’s Mutter am nächsten Abend vom Dorf bei uns in Accra ankam. Sie fühlte sich müde und ging auch gleich ins Bett. Da dachte ich mir nichts dabei, denn schlussendlich ist sie mit dem Trotro von Obenumasi nach Accra mind. sechs Stunden gefahren. Am nächsten Tag lag sie immer noch flach und als sie auch einige Tage später immer noch konstant diese Schmerz in ihrem Bauch fühlte, ermutigten wir sie sich im Spital checken zu lassen. Sie kam mit einem Ergebnis zurück, wo wir uns keine weiteren Sorgen machten und verabschiedeten sie ende Woche bereits wieder, da sie im Dorf auf ihre Farm schauen wollte. 

Als wir merkten, dass wirklich nichts nach Plan läuft (Siehe Blog „Nichts läuft nach Plan“) und ich bereits ziemlich gereizt war, haben wir ein Telefon erhalten, dass wir Isaac’s Mutter im Dorf abholen sollten. Das ist mittlerweile knapp drei Wochen her. Es war ein Sonntag, als sie bei uns ankam und am Montag darauf, hatten wir einen Termin im Spital. Die gesamte Woche folgten Termine nach Termine. Ergebnis; Krebs im Endstadium und noch ein paar andere Sachen. „Nicht schon wieder“, dachte ich mir, „dieser verdammte scheiss Krebs.“ Denn es war nicht ganz aber fast auf den Tag fünf Jahre her, als meinem Vater eine ähnliche Diagnose gemacht wurde. 

Der Schock sitzt tief und wir alle sind Sprachlos. Niemand hat so etwas erwartet, Alice ist die Erste aus der ghanaischen Familie mit so einer Diagnose und dazu kommt, dass sie stets immer sehr gesund und fit war. Alice die nie still sitzen konnte und immer irgendetwas am putzen, mit Essen experimentieren oder kochen war – Alice die mit 69 Jahren immer noch auf ihrer Farm Kochbananen, Cassava, Kakao pflückte und in einem riesigen Korb auf dem Kopf trug – lag jetzt da vor uns im Bett und hatte keinen Appetit. Ihr Zustand wurde so schnell schlechter, dass wir sie in den Spital einweisen mussten. Gewisse Arzt-/Spital-Termine konnten wir übrigens auch erst früher antreten, da meine Schwägerin die richtigen Kontakte hatte und hinten durch noch etwas Geld floss. Der zweite Termin hätten wir erst vor zwei Tagen gehabt und wir hätten wohl gar nie von ihrer Diagnose erfahren. 

Alice bei ihrer täglichen Arbeit auf ihrer Farm, was vorher mehr ein Wald als etwas anderes war. Diese hat sie zusammen mit Kindern, welche jeweils bei ihr wohnten, aufgebaut. Alice hat über 40 Kinder grossgezogen – Kinder welche entweder keine Eltern mehr hatten oder Eltern die nicht selber zu ihnen schauen konnten. Diese hat sie bei sich aufgenommen und oftmals auch dafür gesorgt, dass sie zur Schule gehen. In ihrer Freizeit haben sie ihr beim Haushalt und auf der Farm geholfen.
Ihr eigener Chilli, sie war grösstenteils Selbstversorgerin und ziemlich alles was bei ihr auf den Teller kam, hat sie selber angebaut.
Diese Körbe hat sie lange selber getragen, oftmals hatte sie aber auch Unterstützung von ihren Kindern.

Nachdem Isaac jeden Tag ins Spital fuhr, um sich zusammen mit seiner Schwester um seine Mutter zu kümmern, gingen wir irgendwann wieder zurück in unser Airbnb. Denn wie erwähnt, Isaac ist immer noch 60% arbeitstätig und konnte nach seinem letzten Monat als er Ferien hatte nicht noch länger abwesend sein. Wir waren gerade mal einen Tag dort und schon erhielten wir wieder ein Telefon. Was war es wohl jetzt? Alice wurde aus dem Spital entlassen. Was für mich zuerst nach guten Neuigkeiten klang. Nicht so hier – für Alice ist nichts mehr zu machen, es ist besser wenn sie nach Hause geht. Selbstverständlich packten wir an diesem Abend gleich wieder unsere Sachen und machten uns noch einmal auf den Weg zurück nach Bortianor, zu Isaac’s Familie. Nun war uns klar, es wird wohl nicht mehr lange dauern. Wir alle weinten, es war wirklich schwierig, mit diesen Neuigkeiten umzugehen.

Auch bei mir kamen jegliche Emotionen hoch, diese Situation erinnerte mich sehr stark an die Zeit mit meinem Vater. Diese Achterbahn der Gefühle und zum Teil ist man einfach erstarrt, weil man alles nur noch in Gottes Hände legen konnte. Vor bald 5 Jahren habe ich meinen Vater an Krebs verloren und auch heute, wenn ich an diese Zeit denke, fühlt es sich oft zum Weinen an. Obwohl ich weiss, dass es für ihn eine Erlösung von seinen Schmerzen war und mir im Vergleich sein Krankheitsverlauf viel schwieriger fiel, als dann als ich von ihm Abschied nehmen musste – ist es nicht einfach, wenn man seine geliebte Person nie wieder sehen wird. Für mich war dies oft ein Tabuthema; Zum Beispiel in meinem damaligen Geschäft, haben die Meisten nichts vom Tod meines Vaters erfahren, da ich keine Konfrontation mit diesem Thema wollte. Denn unangenehme Gefühle könnten ja vor diesen Menschen aufkommen. Gewisse Worte, Beileid, liebe Worte könnten mich ja zum Weinen bringen. Weinen vor Menschen, ist etwas was vielen Menschen wohl sehr schwer fällt. Warum? Bin ich mir gar nicht sicher. Ist es weil man weinen mit etwas negativem verbindet und man vielleicht als Kind auch mal ausgelacht wurde, wenn man vor den Anderen weinte? „Weine jetzt nicht, es ist nicht schlimm“ oder „Hör jetzt auf zu weinen“, sind Worte welche ich bei der Erziehung meiner Kinder versuche zu meiden. 

Hast du allenfalls eine Idee, warum es uns Menschen schwer fällt über negative Gefühle zu sprechen? Vor anderen Menschen verletzlich zu sein? Gerne lese ich eure Meinungen in den Kommentaren unter diesem Artikel. 

Zurück zu Isaac’s Mutter, jeden Tag sassen wir einzeln und auch zusammen an ihrem Bett und versuchten sie irgendwie zu unterstützen. Sei es einfach nur da zu sitzen und sie wissen zu lassen, dass sie nicht alleine ist oder ihr Hand zu bieten und versuchen, dass irgend eine Position mehr oder weniger angenehm ist. Denn was zu allem noch dazu kam, Alice war in konstanten Schmerzen und selbst das Morphin wo ihr Arzt ihr verschrieben hat, funktionierte bei ihr nicht. Um ehrlich zu sein, ich persönlich wünschte mir – obwohl wir noch soviel mit ihr vor hatten – dass sie bald von ihren Schmerzen erlöst wird. Und in diesem Moment war das wohl, dass wir Abschied nehmen mussten. So versammelten wir uns neben Alice Bett und obwohl sie die letzten Tagen kaum einen Satz zu Ende brachte, sprach sie an diesem Abend 1.5 Stunden und erzählte von ihrem Leben und gab uns Ratschläge für unser Eigenes. Zum Einen sollen wir nicht unnötig streiten und einander zuhören und zum Anderen sollen wir (ich und Isaac) unseren Kindern beide ihre Kulturen zeigen und wenn wir in Ghana sind diese auch so leben. Für mich persönlich war dieser Punkt eher schwierig nachvollziehbar. Aus dem Grund, dass für sie wichtig war, dass wir in der Zeit wo wir in Ghana sind, zusammen mit der Familie (sprich wir mit meiner Schwägerin, ihrem Mann und Kindern) leben sollen. Für eine gewisse Zeit kein Problem, aber für diese lange Zeit wo wir hier sind – hoffentlich nicht. Klar gibt es schöne Seiten von jeder Kultur und diese werde ich auch gerne mit einbeziehen. Aber dennoch werde ich gewissen Standarten nicht gerecht werden können, da ich mich dabei nicht wohl fühlen würde. 

Nun sitze ich hier und ich habe keine Ahnung was mich in der nächsten Zeit noch erwarten wird. In naher Zukunft werde ich wohl einige Male Mutter von vier anstatt zwei Kindern sein und einmal mehr, viel Zeit in diesem Haus verbringen. Das Positive am Ganzen: 

  1. Und doch waren wir wohl zur richtigen Zeit am richtigen Ort.
  2. Auch aus dieser Situation werde ich wieder Neues dazu lernen und später anwenden können.
  3. Wollte ich ja immer wissen, wie es wohl ist ohne alle diese Ablenkungen zu leben um mehr Zeit mit simplen Dingen zu verbringen.

Gerade fühle ich mich ziemlich angeschlagen und obwohl ich ein sehr positiv denkender Mensch bin, fällt es mir im Moment wirklich sehr schwer das Positive zu sehen. Und das ist wohl auch OK so. Denn das Leben ist nicht immer einfach, es gibt Zeiten, da fällt es einem auf den Kopf und meistens auch gleich alles zusammen. Und gerade bin ich im Prozess, diesen Gefühlen Platz zu machen, damit die positiven irgendwann wieder zurückkehren können. 

Und bis dahin fühle ich mich wie ich mich fühle und trotzdem versuche ich mir immer wieder die Frage zu stellen: Wie will ich es haben? 

Danke Mami, für diese Frage, sie hilft mir, meine Wünsche positiv auszudrücken und zu visualisieren und ich bin gespannt, was die Zukunft bringen wird. 

Alice, schade, dass wir all die Sachen, welche wir mit dir geplant haben nicht mehr erleben können. Wir hätten soviel Zeit gehabt, um all das nachzuholen, was wir in den letzten Jahren leider nicht gemacht haben und zum Teil auch die Möglichkeit dazu nicht hatten. 

Was ich dir als Leser auf den Weg geben möchte: Warte nicht auf morgen, sondern erledige das was du machen möchtest lieber heute als morgen – sei mit deinen Liebsten im hier und jetzt, denn morgen könnte bereits zu spät sein. Wir mussten dies leider auf eine harte Art und Weise erfahren. 

Und hast du dir jemals die Frage gestellt? Wie willst du es haben? 

6 Kommentare zu „Es ist Zeit Abschied zu nehmen

      1. Habe gerade beide Meditationen gehört. Zuerst die 10 Minütige, welche mir wirklich sehr entsprochen hat. Auch die 20Minütige war wirklich toll, aber ich muss sie bald nochmals machen und ich bin mir sicher, dass es mir gut tun wird. Peter hat eine so entspannende Stimme. Danke vielmal fürs teilen!

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      2. liebe rahel, freut mich, dass es dir gefallen hast. ich finde auch, dass er eine ruhige und entspannende stimme hat. er hat noch viele weitere videos, kannst ja mal schauen. liebe grüße und, trotz allem, ein gutes wochenende für dich und deine liebsten.

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