Unser Nachbar José

Seit dem Zeitpunkt als ich José das erste Mal gesehen habe, war er mir direkt sympathisch. Irgendwie hat er eine so ruhige und herzliche Art, welche mir schnell aufgefallen ist. Seite Art ist anders, wie die anderen hier. José wurde in Ghana geboren und von seiner Mutter grossgezogen. Als seine Eltern sich trennten, nahm seine Mutter ihre Kinder und ging zurück in ihre Heimat Togo – er war da ca. 1 Jahr alt. Dort lebte José bis er 17 Jahre alt war und kehrte anschliessend zurück nach Ghana. Da er auf der Seite seiner Mutter der Älteste war, musste er bereits früh arbeiten. Mit strahlenden Augen erzählte er mir von einem Erlebnis, wo er ungefähr 13 Jahre alt war und sie ein Fussballturnier gegen junge Männer im Alter von ca. 20 Jahren oder sogar älter hatten. Sie spielten so gut, dass sie gegen die andere Mannschaft weitaus gewannen. Ein Moment an den er sich heute noch sehr gerne zurück erinnert. Wenn das Geld da gewesen wäre, hätte er gerne professioneller Fussball gespielt. Wie von vielen Jungs auf dieser Welt, war es ein Traum für ihn einmal Fussball-Profi zu werden. 

José ist ein Beobachter, oftmals sieht man ihn einfach ruhig daneben stehen und wenn man genau hinschaut, merkt man, wie er die Leute beobachtet und die Informationen aufsaugt. So erstaunte es mich nicht, als er mir einmal erzählte, dass er sämtliche handwerkliche Berufe die er ausübt, gelernt hat – indem er den Menschen bei ihrem Handwerk zugeschaut hat und es dann einfach selbst anwendete. Seither erledigt er alle möglichen handwerklichen Arbeiten für die Nachbarschaft oder auch über die Nachbarschaft hinaus.

Als er bei uns im Haus das Licht fixte
Beim schreinern eines Schuhschranks, damit unsere Schuhe endlich nicht mehr überall herumliegen (hoffentlich) 🙂

Bei unserem letzten Gespräch erzählte er mir, dass die Menschen hier oftmals sagen, dass er nicht wie ein Ghanaer aussehe und sich auch nicht wie ein Ghanaer verhalte. Im ersten Augenblick dachte ich mir, weshalb denn das überhaupt eine Rolle spielt. Was denn ein typischer Ghanaer denn überhaupt ausmacht? Später merkte ich, dass ich zu Beginn eigentlich einen sehr ähnlichen Gedanke hatte. Darum fragte ich ihn, wie er sich denn fühle, wenn man ihm sagt, dass er kein Ghanaer sei. Da meinte er mit einem Lächeln: „Weisst du, ich verstehe gar nicht was sie damit meinen. Die Menschen denken immer ich sei von Südafrika. Vielleicht sehe ich einfach anders aus.“ 

Als José noch ein Kind war, wollte er einmal Arzt oder Anwalt werden und wenn er die Möglichkeit hätte, sei das auch heute noch sein Traumberuf. „Wieso denn?“, fragte ich ihn. „Weil ich dann alle Menschen gleich behandeln könnte und nicht denjenigen, mit mehr Geld priorisieren würde. Ich könnte diese Menschen, welche verzweifelt nach einer Behandlung suchen, jedoch keine erhalten, helfen.“ Meinte er. „Und wieso den Anwalt.“ Fragte ich ihn später. „Dann könnte ich gegen die Korruption in unserem Land vorgehen, es wäre soviel einfacher, wenn es nicht soviel Korruption geben würde.“

In der Tat gibt es in Ghana immer noch sehr viel Korruption. Es fängt bereits beim Volk an, so kann man eigentlich überall Menschen etwas Geld zustecken und dann geht es plötzlich schneller. Auch wir erlebten dies bei Isaac’s Mutter, als es ihr innert wenigen Wochen so extrem schlecht ging, dass wir das Gefühl hatten, dass wenn jetzt nichts geschieht, sie bald sterben könnte. Als wir dann den Termin für detailliertere Scannings erst in zwei Wochen erhielten, liess Joana, Isaac’s Schwester einer ihrer Kontakte mit den zuständigen Stellen sprechen und steckte diesen einfach etwas mehr Geld zu, damit der Termin bereits zwei Tage später wahrgenommen werden konnte. Klar könnte man da jetzt sagen, dass man so auch Unterstützer von diesem System ist. Aber was soll man in einer solchen Situation denn machen? Riskieren dass die Mutter stirbt, nur weil sie keinen zeitnahen Termin erhielt? 

Ich kenne mich zu wenig mit Korruption und Bestechung aus. Warum es überhaupt soweit kommt, dass das so ein grosses Thema ist. Im Allgemeinen gibt es sehr viele Sachen auf dieser Welt, welche ich einfach nicht verstehen kann oder will. Weshalb es so viele Reiche gibt, die nicht mehr wissen was sie mit ihrem Geld anfangen sollen und an der anderen Hand so viele arme Menschen, die nicht wissen, was heute auf ihren Teller kommt – ob überhaupt etwas auf ihren Teller kommt. Und wenn ich zu viel darüber nachdenke, macht es mich wütend, traurig – ich verstehe es einfach nicht und werde es wohl auch nie verstehen. 

Als ich José fragte, was für ihn Erfolg bedeut, meinte er: „Wenn ich frei bin, wenn ich mich frei fühle. Dann fühle ich mich erfolgreich.“ Ja, in der Tat, auch ich empfinde das immer wieder so. Aus diesem Grund fühle ich mich immer wohl, wenn ich mit Menschen bin, wo ich mich frei fühle und genau so sein kann, wie ich mich gerade fühle. Denn es gibt nichts schöneres, als wenn man diese Person sein kann, wo man sich vom Herzen her fühlt. 

José, er ist in der Tat ein sehr selbstloser, lieber und hart arbeitender Mann. Immer wieder beobachtete ich, wie er auf Joana’s Shop aufpasste, wenn sie ausser Haus war oder auch sonst Arbeiten für sie erledigte. Als Isaac ihn dann einmal fragte, was er eigentlich von seiner Schwester bekomme, meinte dieser: „Nichts, ich mache das, da wir Freunde sind und wir für einander da sind, wenn wir einander brauchen.“ Und da kommen wir an einen Punkt, was ich in Ghana liebe. Die Menschen sind hier wirklich immer wieder für einander da, ohne Geld vom Anderen zu erwarten. Sie sind diese Community, welche sich gegenseitig unterstützen. Wenn wir eine schlechte Zeit haben, hilft uns ein Nachbar, der vielleicht gerade eine gute Zeit hat. Und wenn unser Nachbar irgendwann eine schlechte Zeit hat, tuen wir dasselbe für ihn.

Skyah ist der grösste Fan von José, nur schon wenn sie seine Stimme hört, springt sie los und ruft nach ihm
Als er mit seinem Fahrrad von Dave und Mamee Yaa flüchtete, mit José gibt es immer etwas zum lachen.

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