Ashanti Beerdigung mit Stromausfall und kein fliessendes Wasser

Samstag morgen, heute ist der eigentliche Tag der Beerdigung. Es werden viele Gäste hier sein, denn heute ist das Begräbnis von Alice. Da es Samstag ist, tragen wir alle schwarz/rot, genau wie am Tag vom One Week. Als wir am morgen aufwachten, kam gerade Isaac zu uns ins Zimmer. Er hat die ganze Nacht nicht geschlafen. Warum er nicht geschlafen hat, kannst du in meinem letzten Artikel nachlesen. Wie bereits im letzten Artikel beschrieben, fällt es mir wirklich nicht einfach über diese Tage zu schreiben und irgendwie weiss ich auch nicht so recht weshalb. Vermutlich auch da die Beerdigung bereits ein Moment her ist und ich schon wieder vieles erlebt habe. Nach der Beerdigung war ich leider krank und hatte keine Kraft zu schreiben. Also versuche ich meine Erinnerungen hervor zu holen und euch so gut es geht von meinen persönlichen Eindrücken zu berichten. 

Skyah ging es mittlerweile bereits besser, sie hatte zwar immer noch erhöhte Temperatur aber bei weitem nicht so hoch wie am Abend zuvor. Nach dem Morgenessen machten wir uns auf den Weg in Richtung Familienhaus. Heute ist der letzte Tag wo wir uns von Alice Körper verabschieden können. Warum ich Körper sage? Da ich persönlich finde, dass man sich von einer geliebten Person von überall verabschieden kann. Denn meiner Meinung nach verlässt die Seele den Körper in dem Moment, wo der Mensch seinen letzten Atemzug nimmt, sein Herz aufhört zu schlagen und dann nur noch die leere Schale vor einem liegt. Und wenn uns diese Seele dann verlässt, ist sie meiner Meinung nach erlöst und man kann gedanklich überall bei ihr sein. Ich persönlich verabschiedete mich zum Beispiel von meinem Vater in einem Traum, völlig ungeplant und es war ein wunderschöner Abschied für mich.  

Als wir beim Familienhaus ankamen, sah ich gerade noch wie Isaac aus dem Wohnzimmer, wo Alice lag, hinauskam. Er hatte Tränen in den Augen, was mich beinahe auch zum Weinen brachte. Obwohl ich das Gefühl habe, dass mich die letzten Jahre emotional doch etwas abgehärtet haben, ertrage ich es nicht, wenn ich Isaac so traurig sehe. Es nimmt mich sehr mit. Vermutlich auch da ich ihn -seit ich ihn kenne – höchst selten so emotional gesehen habe. Wie so oft, merkte ich, wie die Aufmerksamkeit bei mir lag. Von allen Seiten spürte ich die Blicke. Etwas was ich gar nicht mag – wenn ich im Mittelpunkt stehe. Also entschied ich mich, die Kids gleich bei Isaac zu lassen und meinen Weg zu Alice zu gehen. Als ich den Raum betrat und sie da so liegen sah – sie sah so Fremd aus – übernahmen mich meine Emotionen und ich musste weinen. Dann war da dieser Kamera Mann, welcher mich weinend ablichtete. So gut es ging, versuchte ich meine Traurigkeit zu verstecken. Ich möchte doch keine Bilder von mir, wenn ich so traurig bin. Das ist etwas woran ich mich nicht gerne erinnern werde, geschweige denn etwas das ich mir jemals wieder ansehen möchte. Natürlich sagte ich nichts, denn ich wollte nicht noch mehr Aufmerksamkeit auf mich ziehen. Deshalb versuchte ich so schnell wie möglich wieder raus zu kommen. Aber bevor ich aus dem Raum gehen konnte, meinte der Fotograf ich soll nochmals zurück, er möchte ein Bild von mir und Alice. „So komisch“, dachte ich mir.“ Mit dem Blick nach unten, liess ich mich ablichten und hoffte, dass man mir meine Traurigkeit nicht ansieht. 

Brago und ich waren gemeinsam bei Alice, ich war froh, dass jemand Vertrautes bei mir war und sie mich immer wieder auf der Beerdigung begleitete. Als wir dann endlich aus dem Zimmer kamen, verweilte ich noch ein wenig mit Isaac, den Kindern und Brago. Irgendwann musste Isaac wieder weiter, denn er hatte gewisse Pflichten, welchen er nachgehen sollte. Dazu wollten immer wieder Leute mit ihm sprechen; Verwandte und Bekannte die ihn schon lange nicht mehr gesehen haben. Dazu musste er dann auch zum Platz, wo die Reden von Geschwistern, Pfarrern und Freunden stattfanden. Auch Isaac musste sein Tribut vor allen Gästen vorlesen. Leider habe ich das verpasst, da ich Maa Charity das Brot aus unserem Zimmer bringen musste.

So tanzten die Menschen zur Musik der Live-Band.

Unsere Neffen waren übrigens auch mit uns angereist, am Freitag resp. bereits am Donnerstagabend gingen sie jedoch zu ihrer Tante (ca. 1.5 Stunden vom Dorf entfernt) und reisten am Samstag morgen wieder nach Obenemase. Als ich eine Pause benötigte, machte ich mich mit ihnen auf den Weg zum Haus von Mr. Hagan und wir verschanzten uns im Zimmer. Skyah ist im Luemai eingeschlafen und so konnte ich sie aufs Bett legen. Die Jungs waren in der Zwischenzeit in ihrem Element. Sie tobten auf dem Boden und alle drei „kleinen“ Jungs bekämpften den grosse Dave. Alle lachten mit vollem Herzen und es war so lustig mitanzusehen. Da erkannte ich bei Dave doch einige Moves aus einem seiner PS-Games. Als die Jungs hungrig wurden machten sie sich wieder zurück auf den Dorfplatz. Auch wir verweilten noch ein wenig auf dem Dorfplatz und beobachteten die Menschen um uns herum.

Die Zeremonie auf dem Dorfplatz ging auch schon bald dem Ende zu. Bald findet das Begräbnis statt. Ich entschied mich, den Kindern und auch mir selbst wieder eine Pause zu gönnen und ging nicht zum Begräbnis. Denn es war Mittagszeit und Skyah sollte zu einem langen Schlaf kommen. Sie fühlte sich nämlich immer noch fiebrig an. Also machte ich mich zurück ins Haus und wir assen noch ein bisschen Brot mit Konfi sowie Wassermelonen. Silas mag das Essen, welches hier zubereitet wird, nicht wirklich und Skyah hatte keinen grossen Appetit. Auch ich hatte nicht sonderlich Appetit, denn irgendwie fühlte ich mich ein bisschen schwach. Also legte ich mich zusammen mit den Kindern hin. Wir alle waren wirklich müde, weshalb wir auch schnell einschliefen. Als wir dann erwachten kam wenig Zeit später auch bereits Isaac ins Zimmer. Da meinte er: „Wir sollten uns jetzt umziehen, denn nach dem Begräbnis solltest du nun dein schwarzes Kleid mit dem roten Tuch rundum tragen.“ Also zog ich mich um und Isaac ging zum Familienhaus, denn sein rotes Gewand/Tuch war bei seiner Mutter im Zimmer. 

Als ich mein schwarzes Kleid angezogen hatte, war ich überfordert. Denn ich hatte keine Ahnung wo das rote Tuch hingehörte. So ging ich aus dem Zimmer und suchte nach der nächsten Frau, welche ich um Hilfe bitten kann. Isaac’s Cousine Rosemund kam gerade aus dem Wohnzimmer und ich bat sie um Hilfe. Nun war ich bereit um wieder unter die Menschen zu gehen. Also gingen wir zum Dorfplatz, wo auch bereits oder immer noch die Gäste sassen. Als dann ziemlich alle wieder vor Ort waren, kamen auch die Könige auf den Platz. Diese wurden mit einem für mich impulsiven Rhythmus mit Trommeln Willkommen geheissen.

Als die Chiefs (Könige) zum Fest kamen und die Gäste grüssten.

Die Zeremonie wird von einer Live-Band begleitet und irgendwann kamen auch die Geschenke, welche von mir und meinem Schwager (Der Mann von Isaac’s Schwester – man nennt uns hier die In-Laws) auf dem Kopf von mehreren Mädchen präsentiert wurden. Die Geschenke wurden von einer Frau am Mikrofon ziemlich ins Detail aufgezählt, was wir unseren Ehegatten alles zur Beerdigung ihrer Mutter schenken. Und danach spielte wieder Musik. So stand Isaac zusammen mit seiner Schwester auf und tanzte vor allen. Irgendwie speziell, Isaac mittendrin zu beobachten. Isaac der genau so gerne im Mittelpunkt steht wie ich. Immer wieder setzte ich mich entweder hinter oder neben ihn und nahm irgendwie nebenan am Fest teil. Mehr im Beobachter und „hoffentlich mache ich alles richtig“ Modus. Was genau von mir erwartet wird? Keine Ahnung. Was ich genau machen soll? Keine Ahnung. So liefen ich und die Kids zwischen Haus, Zimmer und Dorfplatz immer wieder hin und her. Und wie ging es den Kids dabei? Naja, wenn Skyah „mole“ (malen) sagte, dann meinte sie nicht mit Stift und Blatt, sondern sie wollte auf dem Natel „malen“ resp. gamen. Auch das kann man ja wieder abgewöhnen, dachte ich mir. Ich wollte es mir in diesen Momenten einfach so einfach wie möglich machen und liess sie dann halt „Gamen“. 

Die Geschenke der In-Laws (leider nur ein Screenshot von einem 1 Sekunden Video, welches eigentlich ein Foto werden sollte)

Als ich Isaac da so tanzen sah und ich mich davon drückte meinte ich zu Brago: „Um in der Mitte von so vielen Menschen zu tanzen, habe ich zu wenig Alkohol im Blut und lachte.“ Als ich das sagte, hatte ich irgendwie so ein Gefühl und mein Herz klopfte immer schneller, bei der Vorstellung, dass ich da in der Mitte tanzen könnte. Mein Gefühl täuschte mich hier in Ghana selten und so war es auch dieses Mal. Ich sah Isaac und seine Schwester, wie sie mir zuwinkten. Was soviel bedeutete wie: „Komm, tanze mit uns.“ Oh mein Gott, ein Albtraum für mich. Aber ich liess mich treiben und tanzte in Richtung der Anderen und sie tanzten mir entgegen. Was für ein Erlebnis. Adrenalin schoss durch meinen ganzen Körper und vor Nervosität habe ich irgendwie alles um mich herum vergessen. Ich hörte nur noch die Menschen, wie sie um mich herum laut riefen und lachten. Ich spürte die Freude, welche ich den Menschen vom Dorf gerade bereitete. Hier begegnet man nämlich höchst selten, bis gar nie Menschen die anders aussehen. Die Chance dass sie in ihrem Leben einmal eine Weisse sehen und dann noch eine Weisse die an einer traditionellen Ashanti Beerdigung tanzte, ist sehr gering. Ein einmaliges Erlebnis. Ohne zu wissen, was ich machen soll, achtete ich auf Isaac’s Cousine und ihre Handbewegung, es sah so aus, als ob sie mir sagen möchte, dass ich mich drehen soll; so drehte ich mich ab und zu im Kreis und versuchte den Takt zu halten. Plötzlich steht da Skyah vor mir, weinend und die Arme in meine Richtung. In meiner Aufregung habe ich mich gar nicht mehr geachtet, wo die Kinder sind. Also hob ich sie hoch und wir machten uns alle gemeinsam wieder Richtung Stühle. Obwohl ich nicht gerne im Mittelpunkt stehe, war das wirklich ein tolles Erlebnis. (Isaac, seine Schwester und seine Cousinen lachen übrigens immer noch über mich – aber auch über Isaac’s Tanzkünste, wenn wir über dieses Erlebnis sprechen. So meinte die eine Cousine von Isaac: „Ist das Rahel’s Beerdigungstanz?“ Ob ich das Persönlich nehme? Nein. Denn hier lacht man einander schnell wegen allem möglichen aus und anscheinend nimmt es niemand so richtig persönlich. Man wartet nur so, bis jemand in ein Fettnäpfchen tritt, damit man sie/ihn auslachen kann.)

Hier ein Ausschnitt als wir zusammen in der Mitte tanzten.
Entweder vor oder nach dem Tanzen. So sassen wir beim Dorfplatz in der vordersten Reihe.

Hier wird es das ganze Jahr durch immer ca. gegen 17.00-18.00 Uhr dunkel. Denn Ghana liegt ziemlich genau beim Äquator. Weshalb die Sonne das ganze Jahr immer zur selben Zeit hoch und zur selben Zeit wieder unter geht. Irgendwann gegen den Abend ging ich dann mit den Kindern wieder ins Zimmer und wollte sie vor dem ins Bett gehen noch waschen. Da erinnerte ich mich, dass wir im Verlauf vom Samstag kein fliessendes Wasser mehr hatten. Hier in Ghana ist es üblich, dass wenn man Ghana Wasser bezieht, ab und zu kein fliessendes Wasser hat. Die Regierung stellt dieses immer wieder ab, damit die Bevölkerung Wasser spart. Denn angeblich steht nicht genügend sauberes Wasser zur Verfügung. Als ich dann zum Bad kam, es ist ein Gemeinschaftsbad, sah ich das grosse Fass gefüllt mit Wasser. Kofi, der Mann der hier aufs Haus aufpasst, holte Kübel um Kübel Wasser vom nahegelegenen Brunnen und transportierte die Kübel auf dem Kopf zum Haus, um das Fass zu füllen. Beim Brunnen wird das Wasser direkt vom Boden geholt, deshalb kommt von dort immer Wasser. Nun kam jedoch noch dazu, dass genau zu der Zeit als ich die Kinder ins Bett bringen wollte, Stromausfall war. Aus diesem Grund musste ich sie mit kaltem Wasser waschen. Bei Strom erhitzte ich jeweils heisses Wasser und mischte dieses dann in einem Kessel mit dem Kaltem. Anschliessend hat man ein kleines Kübelchen mit welchem man das Wasser ausschöpft und über den Körper leert. Die Kinder fanden die kalte Dusche nicht so toll, weshalb ich halt nur die schmutzigen Füsse gewaschen habe. Als ich und die Kids im Pyjama waren, die Zähne geputzt hatten, fielen wir alle ins Bett. Ich war einfach nur froh, dass wir über die Hälfte der Beerdigung überstanden haben. Für mich sind solche Feste mit vielen Menschen und dazu noch soviel Aufmerksamkeit mir gegenüber sehr anstrengend.

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