Nach der dreitägigen Beerdigung gab es Dinge, welche in der Familie besprochen werden mussten. Unter anderem das Fazit der Beerdigung sowie die Abrechnung, der effektiven Ausgaben und Einnahmen der Beerdigung und auch gewisse ungeklärten Familienprobleme. Was ich in dieser Zeit machte? Die restlichen Tage war ich krank im Bett und sonderlich viel habe ich nicht gemacht.
Drei Tage später reisten wir dann wieder zurück nach Accra. Als dann irgendwann auch Joana wieder vom Dorf zurück kam, wusste ich, dass es Zeit ist ihr zu erzählen, dass ich bereits in zwei Wochen nach Hause gehen werde. „Was? Wieso?“ fragte sie mich erstaunt und mit grossen Augen. Irgendwie dachte ich mir, dass das ja klar sei. Sie wusste ja wie es mir ging. Denn wir hatten immer wieder Diskussionen und einmal erwähnte ich sogar: „Wenn von mir verlangt wird, dass ich im Familienhaus weiter wohnhaft bleiben soll, werde ich wieder zurück in die Schweiz kehren.“ So richtig Ernst genommen hat sie das wohl nicht. Also erklärte ich ihr nochmals, weshalb Isaac und ich uns dafür entschieden haben, dass ich frühzeitig zurück kehren werde. Falls es auch dich Wunder nimmt, weshalb wir entschieden haben, dass ich mit den Kindern zurück in die Schweiz gehe und er in Ghana bleibt, dann kannst du den Grund in diesem Artikel nachlesen.
Joana fand es zwar schade, aber sie hatte Verständnis, deshalb zog sich das Gespräch auch gar nicht unnötig in die Länge. Ich war froh, denn nichts hätte meine Entscheidung in diesem Moment noch ändern können. Denn seit ich mich für mich und meine Bedürfnisse entschieden habe und dazu wusste, dass ich bald wieder Zuhause sein werde, war alles so viel einfacher. Bei Erlebnissen, welche mich vorher nervten, dachte ich mir: „Ich bin ja nicht mehr lange hier.“ Und das immer wieder. „Ich bin ja nicht mehr lange hier“, war ein Satz welcher ich in dieser Zeit oft anwendete.
Isaac und ich entschieden uns, das letzte mögliche Wochenende zusammen mit unseren Kindern noch in mein Lieblings-Gästehaus zu gehen. Damit ich mein Traum vom Surfen doch noch realisieren konnte. Und auch hier; Obwohl ich viel zu wenig Zeit dafür hatte, war ich einfach nur unglaublich dankbar. Mein Herz strahlte in dem Moment, als ich die brechenden Welle durchquerte und gleitend auf den Wellen wieder Richtung Strand kehrte.

Was für eine Reise. Eine Achterbahn der Gefühle. Wortwörtlich! Das Leben fasziniert mich. Was ich diese Tage erlebte war wunderschön. Etwas was ich eigentlich immer wieder fühlte, jedoch nie so wahrgenommen habe wie auf dieser Reise. Mein Traum war es immer auf Reisen zu gehen. In die weite Welt hinaus, am liebsten irgendwo an verschiedenen Küsten entlang. Denn ich liebe das Wasser, das Meer und sein rauschen. Die Kraft der Wellen aber auch die Stille auf dem Wasser. Das abtauchen im stillen Wasser und das Gefühl der Leichtigkeit. Es lässt einem alles um einem herum vergessen. Und jetzt mit den Kindern – ach wie ich es liebe – es erinnert mich an meine eigene Kindheit. Das plantschen im Wasser, wie sie über beide Ecken strahlen. Ihr Lachen ist einfach wunderbar.




Die Bekanntschaften welche man auf Reisen macht. Ich liebe die Lebensgeschichten von Menschen. Ihre Erfahrungen im Leben bereichern mich. Ich würde sagen ich bin eine gute Zuhörerin, ich sauge alles auf und höre gespannt zu. Mittlerweile erzähle ich auch gerne von mir und meinen Erfahrungen. Gerade auf diesem Trip konnte ich mich bei wildfremden Menschen einfach öffnen und jedesmal kam etwas zurück – für mich der wahre Reichtum in unserem Leben. Die Verbindung zu anderen Menschen und ihre Erfahrungen im Leben. Wenn man sich öffnet, öffnen sie sich meistens auch. Bis jetzt konnte ich aus jedem Gespräch eine wertvolle Erfahrung resp. einen wertvollen Ratschlag mitnehmen und mit jedem Gespräch fühlte ich mich besser.
Genau das geschah mir heute als ich mich auf den Weg Richtung Surfshop machte. Heute ist der dritte Tag, wo ich vom Tag eine Stunde für mich nehme und bei Big Ben surfen lerne. Surfen ist ein Sport, der mir seit Jahren immer wieder einmal im Kopf herum schwirrte. Vor genau 10 Jahren besuchte ich eine gute Freundin und ihren Mann in Südafrika. Zusammen reisten wir an die Küste Jeffreys Bay und dort nahm ich meine allererste Lektion. Sofort verliebte ich mich in diesen Sport und das obwohl ich keine einzige Welle gestanden bin. Aufgrund der Lebensumständen von meiner Freundin (wir waren damals 21 Jahre jung), konnte ich leider keine weitere Lektion mehr nehmen. Umso grösser war mein Wunsch, das irgendwann wieder zu tun. Und jetzt ziemlich genau 10 Jahre später hat es endlich geklappt. Und ich genoss es genau so wie damals. Nur dass ich dieses Mal ein Anfängerboard und wohl Anfängerwellen hatte.

Was ich eigentlich erzählen wollte – heute als ich mich auf den Weg zum Surfshop machte, begegnete ich auf dem Weg einer Frau, welche auch bei uns im Gästehaus ist. Sie fragte uns gestern nach dem Weg zum Meer. Also sprach ich sie heute auf dem Weg an, ob sie auch surfen gehe. Und so kamen wir ins Gespräch. Wieder erzählte ich meine Geschichte, was mein Plan war, wie mein Plan sich änderte und was für wertvolle Erkenntnisse ich machen durfte. Und so erzählte sie mir ein wenig von ihrer Geschichte. Sie lebe eigentlich in der Nähe von New York und sei das erste Mal überhaupt auf dem Kontinent Afrika. Ghana ihr erstes Land Afrikas. Sie sei mit ihrer Mutter und Grossmutter angereist und die Küste entlang gereist. „Wow, wirklich? Das wäre ein Traum von mir, bis anhin haben wir es leider noch nie geschafft“, sagte ich ihr mit Begeisterung und etwas mit Enttäuschung zugleich.
Ich erzählte ihr davon, dass ich meine Reise frühzeitig abbrechen werde, weil ich merkte, dass meine Reise nun in der Schweiz weitergehen wird und Isaac’s Reise hier in Ghana. Dass ich nach 13 Jahren endlich wieder für drei Monate in meiner Heimatstadt leben und dort die nötige Unterstützung für die Kinder haben werde, um jetzt meiner Bestimmung nachzugehen. Die Kinder werden an diesen Tagen gut versorgt sein und ich kann mich meinem beruflichen Weg wieder mehr widmen. Herausfinden was ich denn wirklich machen will. Da fragte sie mich, was mich im Leben denn begeistert und ich antwortete: „Fotografie und Geschichten von Menschen. Ich wollte lange immer Fotografin werden, aber dies sei geldtechnisch doch eher riskant und nicht immer profitabel. Dass ich zwar Reichtum nicht mit Geld definiere, jedoch gerne finanziell sicher dastehe, da ich dann weniger Angst habe. Weniger gestresst bin, da ich ja genügend Geld auf der Seite habe, falls mal eine grössere Rechnung kommt.“ Da schmunzelte sie und fragte mich: „Kennst du das Buch „Der Alchimist“? Mein Herz schlug gleich höher: „Jaaa, sicher“, erwiderte ich, „das ist mein absolutes Lieblingsbuch.“ „Ich glaube du solltest es bald wieder einmal lesen. Das Buch wird dir auf deinem Weg helfen. Gestern habe ich das Buch das zweite Mal fertig gelesen und ich habe vom ersten Mal so vieles vergessen.“ meinte sie, „und weisst du was? Ich möchte es dir schenken, ich habe das Gefühl, dass das ein Buch ist, welches reisen soll.“ Was für eine tolle Idee, wer das Buch „Der Alchimist“ gelesen hat, wird verstehen, weshalb diese Idee so toll ist. Im Allgemeinen gibt es bestimmt einige Bücher, die reisen und nicht irgendwo im Büchergestell verstauben sollten.
Als ich sie fragte was sie denn beruflich mache, meinte sie, dass sie gerade ihr Studium zur Kunst / Kleiderdesign abgeschlossen habe und jetzt mit ihrer Familie hier nach Ghana gereist sei. „Wow, so cool, da wurdest du hier bestimmt sehr inspiriert. Die Ghanaer haben eine so schöne Mode, finde ich“, meinte ich zu ihr. „Oh ja, und ich hoffe wirklich, dass ich in so zwei Monaten wieder zurück kommen kann, um gewisse Workshops zu besuchen. Zum Beispiel gewisse Prints wo sie hier machen“, man konnte die Begeisterung in ihren Augen sehen. Da kam mir Vanessa Kanbi, eine ghanaisch/schottische Youtuberin in den Sinn. Ich erzählte ihr von einem Video, welches sie vor kurzem Online stellte, dort besuchte sie einen Ort wo Batik Tücher hergestellt wurden. Sie solle die Videos von ihr doch anschauen. Hera, so war ihr Name, war total begeistert. „Rahel, ich weiss nicht ob du dich erinnern magst, aber im Buch vom Alchimist werden immer wieder die Omen, welche man folgen soll erwähnt. Ich glaube ich bin dein und du bist mein Omen, wir waren dafür bestimmt einander zu begegnen.“
Genau in diesem Moment kam Big Ben, mein Surflehrer und fragte sie, ob sie auch surfen möchte. Da erwiderte sie, dass sie einfach mal zuschauen möchte. Wir nahmen das Board und gingen in Richtung Meer. Beim Aufwärmen machte Hera noch mit und schaute uns hinterher als wir uns auf den Weg Richtung Wasser machten. Die Wellen waren heute nicht optimal, die ersten bin ich jedoch gut gestanden. Immer wieder sah ich Hera wie sie ein riesiges Lachen im Gesicht hatte, sie hob die Daumen in die Höhe und rief: „Wow, so cool, du bist ja voll gut.“ Die Wellen wurden immer extremer, zweimal wurde ich so fest unter Wasser gedrückt, dass ich fast ein bisschen Panik hatte. Als ich die letzte Welle nehmen wollte und Big Ben mir in Richtung Wasser helfen wollte, brach ihm das Board. Der Surftag war doch ziemlich ernüchternd und mir schwirrten draussen im Meer immer wieder Hera’s Worte durch den Kopf: „Wenn ich etwas auf dieser Reise gelernt habe, dann würde ich sagen, dass ich mehr Geduld haben sollte. Geduld ist ein wertvolles Gut in unserem Leben und so versuche ich immer wieder mit mir und mit den Menschen und Situationen um mich, geduldig zu sein.“ Diese Worte empfinde ich als sooo wertvoll und ich durfte auch gleich lernen: Sei geduldig Rahel, die perfekte Welle kommt bestimmt bald.
Klar, als ich aus dem Wasser lief, war ich doch ein wenig enttäuscht. Aber das heutige Erlebnis war wohl nicht das Surfen, sondern die Begegnung mit Hera. Sie hat mich inspiriert und das war wohl wie sie gesagt hat ein Omen, dass ich auf dem richtigen Weg bin und ich den Zeichen weiter folgen soll.
Als Hera mir am nächsten morgen das Buch überreichen wollte, bat ich sie mir eine kleine Notiz zu hinterlassen und ihre Lieblingsstelle vom Buch mitzuteilen. Das Buch habe ich tatsächlich in meinen letzten drei Tagen noch fertig gelesen. Diese Begegnung und der Inhalt vom Buch bestätigte mir nochmals, dass ich genau die richtigen Entscheidungen getroffen habe. Dass man nicht den Weg gehen soll, welche von einem erwartet wird. Dass wir unsere Pläne anpassen dürfen und wegen dem trotzdem nicht gescheitert sind – vielmehr habe ich in diesem Moment auf meine innere Stimme – auf mich selbst gehört. Und irgendwo durch hat es auch meinen Glauben – dass alles was in unserem Leben passiert seinen Grund hat – verstärkt. Man begegnet Menschen, um mit ihnen zu sprechen, ihnen zu zuhören, von ihnen zu lernen und etwas zu erleben. Und umso weniger Masken auf unserem Gesicht aufgesetzt sind, desto erfüllter wäre wohl unser Leben. Wenn wir uns doch nur getrauen würden. Doch oftmals versuchen wir uns dahinter zu verstecken. Da wir uns eventuell als nicht gut genug empfinden. Wir verstecken uns hinter materiellem oder hinter unserer Arbeit, versuchen unsere Emotionen oder unser Leiden zu verstecken – denn die Meisten möchten sich nur von ihrer besten Seite zeigen.


Ihre Notiz an mich:
It was so nice meeting you here in Ghana. I hope that the spirit of following your dreams will guide and inspire you. Know that this is an omen for you and me. When you showed me the surfing lessons, I actually have been wanting to surf for a long time but I was too afraid. It is a very spiritual act. Thank you for bringing me along. Well travels and I hope you bloom into your dream of being a photographer.
Was für schöne Worte. Auch wenn du das hier nie lesen wirst: Danke Hera. Danke für deine Offenheit. Danke dass du ein Teil meiner Geschichte bist, du hast mich inspiriert, meinen Weg weiter zu verfolgen und die Zeichen wieder mehr wahrzunehmen und an meinem Leben teilnehmen zu lassen.
Ein Kommentar zu “War diese Begegnung ein Zeichen?”