Meine letzte Reise

Zurück vom Hotel und die nächste Reise stand bereits wieder an. Es war die letzte Reise, bevor ich wieder zurück in die Schweiz geflogen bin. Es ging wieder in ein Dorf, dieses Mal jedoch nicht ins Dorf von Isaac’s Mutter, sondern seinem Vater. Wir fuhren über fünf Stunden nach Ofoase, ganz in der Nähe von Obenemase, das Dorf wo Alice aufgewachsen ist.

Isaac’s Vater habe ich bisher noch nie gesehen, das letzte Bild, welches ich von ihm sah, war eines vom Jahr 1995 oder so. Er war jung und schlank. Heute, ist er bestimmt um die 70-80 Jahre alt und hat einen riesigen Bauch. Er ist nicht mehr so gut unterwegs auf seinen Beinen (Er geht an Stöcken). Ehrlich gesagt war ich zwar gespannt, wie es sein wird, Isaac’s Vater und dem Grossvater meiner Kinder das erste Mal zu begegnen. Jedoch hatte ich aber auch nicht sonderlich Lust auf eine weitere Familienfete. Mittlerweile hatte ich definitiv genug davon. Jedoch wusste ich, dass diese Reise wichtig ist. Nicht für mich, sondern für Isaac, seinen Vater und Geschwister.

Unsere Abreise war wieder einmal so typisch. Eines der beiden Autos war beim Automechaniker, bereits seit einer Woche. Am Vortag haben wir erfahren, dass die nötigen Arbeiten noch gar nicht gemacht wurden – geschweige denn, dass überhaupt damit begonnen wurde. Also setzten wir Druck auf und Christian meinte zum Mech: „Morgen um 9.00 Uhr bist du fertig.“ Das Auto war schlussendlich irgendwann nach dem Mittag bei uns und wir fuhren viel zu spät los, freitags gibt es nämlich immer sehr viel Verkehr. Die Autofahrt war wie immer sehr anstrengend, aber wenn ich daran denke, dass unsere Kinder zwei und vier Jahre alt sind, muss ich wirklich den Hut von ihnen ziehen. Unglaublich wie unglaublich geduldig sie bei den vielen langen Autofahrten immer waren.

Im Dorf angekommen, war es bereits dunkel. Es war um die 19:00 Uhr und die Familie hatte bereits gegessen. Eigentlich wollte jemand Ei mit Brot und Milo für uns zubereiten, jedoch wurde der Plan über Board geworfen und es gab Reis mit „vermahlenen“ Tomaten und Zwiebeln. Natürlich war diese Sauce ziemlich scharf. Die Kinder assen den Reis ohne Sauce. Währenddessen wir auf das Essen warteten sassen wir im Shop von Isaac’s Vater. Er verkauft unterschiedliche Medikamente. Hier in der Schweiz wäre dieser Shop wohl mit einer Drogerie vergleichbar. Und wieder einmal hiess es für mich, warten, bis wir endlich weiter können. Alle Menschen um mich herum sprechen Akan – ich verstehe kein Wort. Und Isaac’s Vater war nicht sonderlich kommunikativ. Er war beschäftigt, denn immer wieder kamen Menschen, welche Medikamente brauchten. Rückblickend frage ich mich oft, was ich wohl hätte anders machen können. Denn eigentlich bin ich nicht ein Mensch, der einfach da sitzt und hofft, dass es bald vorbei ist. Ich liebe die Momente des Lebens und wenn es einmal nichts zu reden gibt, geniesse ich auch einmal die Stille und liebe es die Menschen um mich herum zu beobachten und ihnen zu zuhören.

Als wir alle volle Bäuche hatten, machten wir uns auf den Weg ins Hotel. Das Zimmer war schön und das Bett war im Verhältnis gross genug. Wir legten uns quer, damit wir zu viert Platz hatten. Wir alle waren sehr müde und schliefen wieder einmal innert kürzesten Zeit ein. Am nächsten Morgen machten wir uns auf den Weg zum Haus von Isaac’s Vater. Es gab Eier, Brot, Kellog’s (Dave unser älteste Neffe, stürmte bereits seit Wochen, dass er Kellog’s möchte, wir haben ihm diesen Wunsch endlich erfüllt) und natürlich Milo (Schokoladenpulver mit heissem Wasser und Kondensmilch). Isaac’s Vater liess sich nur kurz blicken, er müsse kurz zu einem Freund, er komme bald wieder. Im Innenhof gab es zwei riesige Hähne und alle Kinder hatten Angst vor ihnen. Besonders Skyah war ganz aus dem Häuschen, bis ich ihr zeigte, dass die Hähne nur von unserem Essen abbekommen wollten. Beim Morgenessen lachten wir immer wieder. Sei es weil die Kinder von den Hähnen wegsprangen, Dave wegen einer der Hähne vom Stuhl fiel oder weil Dave und Isaac sich wieder einmal zankten. Die beiden haben eine spezielle Onkel / Neffen Beziehung. Manchmal könnte man meinen sie sind Brüder, soviel wie sie sich gegenseitig provozieren.

Auf dem Weg ins Dorf

Nach dem Morgenessen machten wir uns auf den Weg in Richtung Park. In der Nähe vom Haus gab es eine grosse Wiese mit zwei Toren. Ein paar Jungs spielten dort Fussball. Der Himmel war bereits Pechschwarz und es wehte ein milder Wind. Es sah fast so aus, als ob es bald zu regnen beginnt. Wir entschlossen uns dennoch, weiter zu gehen. Isaac wollte mir das Haus zeigen, in welchem er bis er vier Jahre alt war, verbrachte. Gerade als wir dort ankamen, leerte es in Kübeln. Wir standen in einem Unterstand und warteten, bis der Regen milder wurde. Der Regen war so stark und der Wind wehte kreuz und quer, dass wir sogar unter dem Dach nass wurden. Wir alle lachten, es sind diese Erlebnisse, welche mich immer wieder lernten, dass man immer die Entscheidung hat. Wie möchte ich mich in diesem Moment fühlen? Soll ich jetzt genervt sein, weil ich kalt hatte, nass wurde und womöglich auf dem Rückweg total schmutzige Schuhe oder Füsse haben werde. Oder soll ich nun den Moment, genau so wie er ist annehmen und das lustige in der Situation erkennen. Wie gross ist die Chance, dass ich ein solches Erlebnis nochmals erleben werde? An die Wand gedrückt, damit wir nicht komplett durchnässt wurden – das Kinderlachen um uns. Ich staunte, was für eine Kraft Muttererde hat. Genervt sein, war keine Option für mich, also saugte ich alle Eindrücke in mich und spürte Zufriedenheit. Ich entschied mich bewusst für die Freude und wartete bis der Regen langsam aufhörte.

Der Park wo die Jungs Fussball spielten
Unter dem Dach, als es in Kübeln regnete

Als der Regen nur noch sanft war, machten wir uns auf den Rückweg. Die Frauen waren bereits sehr fleissig mit der Vorbereitung vom Abendmahl. Sie stampften die bereits gekochten Maniok und Kochbananen, welche so zu Fufu zubereitet wurden. Die Ziege, welche bereits am Morgen geschlachtet wurde, wurde von Hand verarbeitet und zusammen mit der Suppe in einem grossen Topf über dem Feuer gekocht. (Bei grossen Mengen kochen sie hier jeweils über dem Feuer, da die Töpfe dafür viel grösser sind.) Wir verweilten eine Weile im Innenhof bis es langsam dunkler wurde und immer mehr Familienmitglieder sich im Innenhof versammelten. Das Abendmahl war bereit, es gab Fufu und Lightsoup. Wie so oft, waren alle Anwesenden im Verlauf vom Abend beschwippst. Die Erwachsenen sprachen in Twi in voller Körpersprache und lachten lauthals los. Wie immer, verstand ich nichts. Deshalb war ich froh, als Isaac’s Nichte ihre Musikboxen hervorholte und die Kinder animierte zu tanzen. Der beste Tänzer soll 10 Ghana Cedis gewinnen. Als der Gewinn bei 50 Ghana Cedis lag, kamen auch Erwachsene dazu und schwangen ihre Hüfte zur Musik. Genau solche Momente liebte ich in Ghana, diese Unbeschwertheit. Das Lachen der Menschen um mich herum und die Freude die ich selbst in Momenten wie diesen in meinem ganzen Körper spürte.

Mamee Yaa beim stampfen von Fufu
Als alle miteinander tanzten

Isaac’s Vater liess sich den ganze Abend über nicht mehr blicken. Wie so oft dachte ich: „Es wird wohl seinen Grund haben.“ Komisch fand ich es trotzdem, denn wir wollten doch Zeit mit ihm verbringen. Naja, so ist das Leben nun mal, es läuft nicht immer alles nach unserem Plan. Einen Satz den mich diese Reise immer und immer wieder begleitete. Mittlerweile fällt es mir viel einfacher, die Dinge so hinzunehmen wie sie sind. Ich muss nicht alles okay finden, aber es muss auch nicht alles so laufen wie ich es mir im Kopf ausgemalt habe. Die Kinder und ich inklusive wurden müde. Wir machten uns auf den Weg zum Hotel und fielen total müde ins Bett. Mir wurde es plötzlich unwohl, mein Körper zitterte und ich merkte wie mein Magen sich verdrehte. So sprang ich zur Toilette und alles was ich heute wohl gegessen hatte, kam wieder hoch und das mehrere Male hintereinander. „Nicht schon wieder“, ging mir immer wieder durch den Kopf. Irgendwann wagte ich mich wieder zurück ins Bett und versuchte zu schlafen.

Als wir am nächsten Tag erwachten, gingen wir ein letztes Mal zum Haus zurück und assen wieder, Brot mit Konfi, Cornflakes und Rührei und tranken nebenbei unsere Milo. Isaac’s Vater war dieses Mal auch Zuhause. Wir unterhielten uns noch ein wenig mit ihm und beim Verabschieden wünschte er sich, dass ich das nächste Mal eine schweizer Bratwurst mit mir bringen soll. Er lächelte über sein ganzes Gesicht. Und wieder wurde es Zeit uns zu verabschieden. Wann ich ihn das nächste Mal wiedersehen werde? Keine Ahnung. Denn bald war es für mich Zeit, wieder zurück in die Schweiz zu reisen.

Ich freue mich.

(Dieses Erlebnis liegt bereits einige Monate zurück)

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