Es war Samstag morgen früh, als wir uns auf den Weg Richtung Obenemase machten. Obenemase, das Dorf wo Alice geboren wurde und auch bis zum Schluss gewohnt hat. Zwischenzeitlich hat sie zwar immer wieder an unterschiedlichen Orten, wie zum Beispiel auch einige Jahre in Zürich gelebt und ist dann im Jahr 2009 wieder zurück in das Haus wo sie gross wurde gezogen und betrieb in der Nähe eine Kakaofarm und pflanzte unteranderem auch Cassava (Maniok), Papaya, Chilli und vieles mehr an. Die Reise von Accra nach Obenemase dauert mit dem Auto in der Regel ungefähr vier bis fünf Stunden. Auf dem Weg dahin trifft man am Strassenrand immer wieder Verkäufer, die einem Essen und alles mögliche verkaufen. Silas sah von weitem Bofrots „Donuts“, er weiss mittlerweile wo ungefähr die Strassenverkäufer stehen und hat immer seine Augen offen. Das Essen am Strassenrand macht ihn wohl hungrig. Dieses Mal war es aber verständlich, da wir noch kein Frühstück hatten. Um den Stau grösstenteils zu umgehen, machten wir uns bereits um 6 Uhr auf den Weg.


So kauften wir auf dem Weg für jeden einen Donut und später noch ein gekochtes Ei mit PepperSauce und Zwiebelstückchen. Ich liebe diese Variante von Ei und würde behaupten, dass jeder der scharfes Essen gerne mag, diese Version von Ei auch gerne haben würde. (Die Kinder hatten das gekochte Ei ohne Toppings, also einfach ein gekochtes Ei). Bei einer Zwischenstation angekommen, gibt es jegliche Essenstände oder wenn man eine längere Pause einlegen möchten, auch ein Restaurant. In der Schweiz würde man dies eine Autobahnraststätte nennen. Hier gibt es solche aber eher selten. Bei der Raststätte kauften wir verschiedene Snacks ein. Und zwar Veggiepies (normalerweise isst man hier Meatpies), für die Männer Fleischspiesse – mir ist die Lust auf Fleisch hier ziemlich vergangen. Bereits in der Schweiz ass ich sehr selten Fleisch. Hier isst man es mehrmals täglich und ich kann es zum Teil nicht mehr riechen. Kelewele mit Erdnüssen (frittierte reife Kochbananen, welche zuerst in einer Ingwer, Cayenne Pfeffer, Zwiebel und Knoblauch Sauce vermischt wurden), reife Kochbananen vom Grill (diese dippt man in Erdnüssen) und zur Krönung noch eine frische Kokusnuss.





Mit vollgestopften Bäuchen machten wir uns für die letzten zwei Stunden weiter auf den Weg. Doch plötzlich ging der Motor nicht mehr an. Oh nein, ist die Batterie leer? In diesem Moment musste ich lachen, als Christian (Joanas Mann) ein Überbrückungskabel holen ging. Da sagte ich zu Isaac: „It’s part of the Ghana experience.“ Weil er mir das immer mal wieder sagte, wenn uns Sachen passierten, wo ich kurz vor dem explodieren war. Und so ist es wohl, unser Ghana experience ist nicht dasselbe, wie jenes der irgendwo als Tourist hinreist. So lernt man, geduldiger zu sein oder eben auch mal dem Frust seinen Lauf gehen lassen. Sorry Isaac, dass ich dich immer soviel voll motze. Jetzt wo ich diesen Blog schreibe, wäre wohl eher einer der Tage, wo ich meinem Frust freien Lauf lassen würde. Wenn da nicht all diese Leute wären, wo ich mich beherrschen will. (Übrigens konnten wir den Motor in N „neutral“ wieder starten und unsere Reise fortsetzen)

Wer mich kennt, weiss dass ich eher ein introvertierter Mensch bin und ich grosse Menschenmassen eher meide, sofern ich es frei wählen kann. So war ich nie ein Freund von grossen Parties oder Festivals. Mich machen grosse Menschenansammlungen immer müde und so entladen sich meine Batterien. Dann wäre es besonders wichtig, wieder etwas zu tun, wo die Batterien wieder aufgeladen werden. Gestern war der Tag vom „One Week“, so nennt man das Fest, wo man um den Menschen der verstorben ist trauert. Wichtig zu erwähnen, wir sprechen hier nicht von der eigentlichen Beerdigung. An diesem Fest waren sehr sehr viele Menschen anwesend, praktisch das ganze Dorf und noch mehr. Wir als nahe Familie von Alice mussten natürlich Teil davon sein. Isaac sass mit seiner Schwester und Onkeln sowie dem König vom Dorf in der vordersten Reihe und ich mit den Kids irgendwo mittendrin. Da kam mir irgendwann der Gedanke: „Oh oh und das dauert jetzt weitere vier Stunden? Wie werden das unsere Kids mitmachen?“ Zum meinem Glück, konnte ich dank unseren Kinder den Innenhof – dort wo das Fest stattfand – immer wieder einmal verlassen. Da alles in Twi war, habe ich leider praktisch nichts verstanden. So spazierte ich zwischen dem Haus vom Onkel und dem Familienhaus hin und her. Machte Zwischenhalt in unserem Zimmer und ruhte mich auf dem Bett aus.
Bei diesem Fest wird Geld für die eigentliche Beerdigung gesammelt. Jeder spendet soviel Geld wie er sich leisten kann. Da auch an der Beerdigung wieder Geld gesammelt wird, werden die Kosten laut meiner Schwägerin meistens damit gedeckt. Natürlich hat jeder in der Familie gewisse Pflichten, welche er wahrnehmen muss. Ich und mein Schwager zum Beispiel, waren laut Tradition dazu verpflichtet, dass wir Getränke sponsern. So organisierten wir, resp. mein Schwager, viele Liter Wasserflaschen, einige grosse Pakete voll mit Coca Cola, Fanta etc.. Wie wir das dann mit dem Geld regeln, ist mir in diesem Moment auch noch nicht bekannt. Und manchmal will ich es auch gar nicht wissen. Es gibt da ja so ein Spruch; „Der Tod ist teurer als das Leben.“ Würde ich so zwar nicht vollkommen zustimmen, aber in der Tat sind vorallem traditionelle Beerdigungen jeweils sehr teuer. Und wenn man bedenkt, dass eine Beerdigung hier drei Tage lang dauert, kann man sich nur denken, wieviel ein solches Fest kostet. Da kommt wohl mein Schweizer Denken und ich würde das Geld lieber sparen und zum Beispiel für eine schöne Reise ausgeben.
Was mir an dieser Kultur jedoch sehr gefällt – die Familie hält in solchen Momenten zusammen und jeder hilft mit. So ist man mit der gesamten Organisation und den Kosten nicht alleine, sondern auch die Brüder und Schwestern des Verstorbenen beteiligen sich daran. Nicht nur weil es verlangt wird, sondern vielmehr, weil sie darauf bestehen. Manchmal gibt es in solchen Angelegenheiten sogar Streit, weil die beteiligten Personen sich nicht einigen können/wollen. Sowas kenne ich in unserer Kultur nur beim Erben. Immer wieder hört man davon, dass sich Menschen ums Erbe streiten. Hier kommt das leider auch vor, aber der Streit beginnt manchmal auch bereits beim Vorbereiten der Beerdigung. Bei unserer Familie zum Glück nicht, bis jetzt ist alles – soweit mir bekannt ist – reibungslos abgelaufen.
Joana hat mir von einem Fall erzählt, wo der Verstorbene ein Jahr im Tiefkühler war, da sich die Parteien nicht einigen konnten. Jeder wollte etwas anderes und deshalb kamen sie bei der Organisation nicht voran. Für mich als Aussenstehende mit einem komplett anderem Hintergrund wirklich schwierig zum Verstehen. Der Satz – „Es kommt immer wieder vor, dass die Familie sich beim Leben des Angehörigen nicht kümmert, aber sobald die Person verstorben ist, wollen alle den Körper.“ – Hat mich dennoch etwas schockiert. Denn in meiner Vorstellung sollten wir doch das Leben feiern und nicht den Tod. Nach meinem Glauben steht beim Tod eines Menschen nur noch eine leere Hülle da und ich kann mich überall von dieser Person verabschieden. Meine Verwandten hier würden es wohl schockieren, wenn diese wüssten, dass wir meinen Vater in einem sehr kleinen – sprich ich meine Geschwister mit Ehepartner und meiner Mutter – beerdigt haben. Selbst in der Schweiz fanden das wohl viele nicht in Ordnung, aber es war das, was uns zu dieser Zeit wichtig war. Aus diesem Grund versuche ich das was für meine Verwandten hier wichtig ist auch zu respektieren.
Aber so ist es doch in vielen Angelegenheiten in unserem Leben – wir alle haben unterschiedliche Vorstellungen vom Leben und das ist auch in Ordnung so. Darum versuche ich mein festgefahrenes Denken etwas beiseite zu stellen und die Kultur mit viel Neugier zu beobachten. Es fällt mir ehrlicherweise oft nicht einfach, da ich mit meinen Vorstellungen gewisse Traditionen doch als sehr altmodisch empfinde. Wie zum Beispiel dass Isaac und seine Schwester eine Woche vor dem One Week vier Autostunden hin und vier Autostunden wieder zurück auf sich nehmen mussten, um das Dorf über den Hinschied von Alice zu informieren. Es gibt hier Strom und die Menschen besitzen ein Telefon, meiner Meinung nach hätte man sich diese Energie ersparen können. Aber eben, wie gesagt, ihnen ist ihre Tradition sehr wichtig und das finde ich auch in Ordnung. Vielleicht wird sich das im Verlauf der Zeit auch ändern, denn laut Isaac hat auch ein Onkel in einer der Familienmeetings gesagt, dass wir doch im Jahrhundert vom Telefon angekommen sind. Aber es gibt dennoch sehr viele Menschen, welchen dies wichtig ist und anscheinend beleidigt sind, wenn man es nicht nach der traditioneller Art macht und aus einem solchen Grund nicht zur One Week oder Beerdigung kommen würden.
Zurück zum Fest; Gegen den Schluss der Zeremonie machte ich mich auf den Weg zurück ins Haus, Skyah war mittlerweile im Luemai eingeschlafen. So wollte ich sie hinlegen, damit auch ich mich ein bisschen ausruhen konnte. Silas war zwischenzeitlich mit seinem Tiptoi und Autos beschäftigt. Und um ehrlich zu sein, habe ich ihm irgendwann dann auch mein Natel in die Hand gedrückt, damit er mich ausruhen liess. Ich weiss, nicht die beste Lösung, aber so wie es aussieht, breche ich hier immer mal wieder meine Vorstellung von Erziehung. Aber auch das ist wohl ab und zu ok, oder? Nachdem die Zeremonie dann zu Ende war, kamen einige der Gäste hier ins Haus vom Onkel, assen Reis mit sehr scharfem Stew (Sauce), gekochte und dann frittierte (scharfe) Eier, Fleisch, Fleisch und nochmals Fleisch und tranken Unmengen an Alkohol. Eine Freundin von mir hat mir letztens erzählt, dass sie dies in Südafrika „The After Cry“ nennen.

Im Verlauf vom Abend hatte ich einige guten Gespräche. Mit einem der „Onkeln“ von Isaac sprach ich über die Unterschiede unseren Kulturen und es war wirklich sehr interessant. So wie ich es wahrnehme, habe ich das Gefühl, dass unsere Kultur resp. unsere Traditionen nicht ganz so ausgeprägt sind wie diejenige von hier. Denn ich denke, dass wir in der Schweiz als jeder Einzelne oft viel mehr Möglichkeiten haben selbständig und unabhängig zu sein. Aus diesem Grund rebellieren wir wohl auch viel schneller. Spätestens wenn man erwachsen ist, kann man sich die Meinung der Eltern zwar anhören, aber wenn man nicht derselben Meinung ist, ignoriert man diese einfach. Warum? Weil wir nicht abhängig sind und unsere Eltern es meistens auch akzeptieren. In anderen Kulturen, wo man bis vor kurzem noch viel mehr auf die Familie zählen musste, hat man meistens auch viel grössere Erwartungen. Dazu gibt es bestimmt auch sehr unterschiedliche Meinungen. Da werde ich mich aber definitiv in nächster Zeit etwas einlesen. Denn ich finde es wirklich sehr spannend wie unterschiedlich unser Denken je nach Kultur sein kann. Kennst du eventuell eine spannende Lektüre, in welche ich mich einlesen könnte? Schreibe es mir gerne in die Kommentare.
Abschliessend möchte ich diesen Bericht gerne wieder mit etwas Schönem beenden. Als wir am Schluss vom Fest, wo es langsam dunkel wurde, draussen sassen, kamen die Dorfkinder zu uns. Silas und Skyah spielten mit ihnen ohne Worte. Denn die meisten Menschen hier, sprechen kein Englisch, sondern nur Twi. Und wieder wurde mir einmal mehr bewusst, wie einfach es eigentlich sein könnte. Wenn man noch ohne all das Wissen und all diese Erwartungen leben kann. Unsere Kinder, die sich in so vielen noch so unterschiedlichen Situationen zurecht finden und trotz verschiedenen Sprachen, dieselbe Sprache sprechen. Die Sprache des verspielt sein, die Sprache von Interessen an dem Gegenüber. Und genau aus diesem Grund können sie auch ohne ein Wort zu wechseln Spass haben. Und bevor dann plötzlich der gesamte Strom ausschaltete, holte ich mein Akan-Englisch Buch und liess die Kinder mir die Sätze in Twi vorlesen. Gerne teile ich euch dieses Erlebnis mit einem kleinen Video. Ich hoffe es verzaubert auch euch mit einem Lachen im Gesicht.


Wie ich es liebe deine Einträge zu lesen. Ich fühle so mit Dir als wäre ich dabei. Dein Lachen mit den Kindern ist so wundervoll, schön Dich so gelöst zu sehen 🥰❣
LikeLike
Danke vielmal! Es macht mir immer grosse Freude wenn ich lese dass man meine Einträge gerne liest und ich sie auch so rüberbringen kann wie es sich in solchen Momenten jeweils anfühlt 😅
Habe ich mir auch gedacht, ich glaube ich war schon länger nicht mehr so am strahlen, wie im Video!
LikeLike
So spannend und so toll be- und geschrieben!
LikeLike
Danke liebe Carmen!!
LikeLike