Begegnungen die mich berühren

Am nächsten Tag, es war ein Sonntag, als das One Week Fest zu Ende war, musste Isaac an ein Familienmeeting. „Das wird wohl so eine Stunde dauern, bis er wieder zurück ist“, dachte ich mir. Naja, nicht wirklich, wurde mir später klar. Als er dann nach zwei Stunden immer noch nicht da war, versuchte ich ihn zu erreichen. Irgendwann kam Linda, sie half beim Fest mit und brachte mir jeweils leckeres Essen. Bereits vor einigen Jahren durfte ich Linda kennenlernen. Sie ist eines der Mädchen, welches bei Alice wohnen und arbeiten durfte. Zu dieser Zeit sprach sie noch kein Englisch, erst als wir zwei Jahre später wieder nach Ghana reisten und sie zusammen mit einem anderen Mädchen bei Joana im Haus und in der damaligen Bar arbeitete sprach sie Englisch. 

Ach Linda, was für ein herzliches und schüchternes Mädchen sie war und jetzt ist sie diese junge Frau, welche so viel selbstbewusster wirkt, aber immer noch so herzlich und hilfsbereit ist. Dazu kommt, dass ich mich jetzt sogar mit ihr unterhalten kann. Sie strahlte über beide Ohren, als ich ihr die Bilder von ihr, welche ich in unseren letzten Ferien hier in Ghana gemacht habe, zeigte. Da erwische ich mich immer wieder einmal, wie ich mir Linda zurück wünsche. Isaac schmunzelt jedes Mal und sagt: „Sie wurde auch von meiner Mutter trainiert.“ Isaac’s Mutter war jeweils immer sehr streng, was Ordnung und Sauberkeit anbelangte und dennoch war sie begehrt bei den Kindern. Denn nebst ihrer strengen Art, hat sie immer sehr gut für die Kinder gesorgt. Wenn mal Geld übrig blieb und sie in die Stadt ging, hatte jedes Kind einen Wunsch frei, was sie von der Stadt nach Hause bringen sollte. Von Body Lotion, Schuhen, Kleidern oder Süssigkeiten war alles dabei.

Irgendwann gegen 13:00 Uhr kam dann Isaac zurück und meinte: „Es ist noch nicht vorbei, wir machen nach dem Mittagessen weiter.“ Angeblich gab es viel zum diskutieren, nicht nur betreffend Beerdigung und alles was dazu gehörte, sondern auch sonst Probleme, welche bezüglich Familienmitglieder in der Luft waren. So wurde sogar ein Neffe in den USA zum Gespräch. Die theoretische Vorstellung von Familie hier ist, dass sie alle für alle verantwortlich sind und die Familie ist riesig. Da kann ich mit meiner Familie bei Weitem nicht mithalten. Damit ihr euch das ungefähr vorstellen könnt; Jedes Mal wenn wir nach Ghana kommen, lernen wir mindestens ein weiteres Familienmitglied von Isaac kennen. 

Als Isaac nach dem Mittagessen wieder zurück zum Family Meeting ging, setzte ich mich mit dem Laptop nach draussen, um in meinem Blog zu schreiben und schaute währenddessen immer wieder wie Silas und Skyah mit dem Besen den Boden wischten. Irgendwann fing es an zu regnen und die beiden sprangen lachend von links nach rechts und drehten sich im Kreis. Als der Regen immer weniger wurde, kamen sie zu mir ins Trockene und waren nass, als ob sie mit samten Kleider in einen Pool sprangen. So legte ich meinen Laptop weg und brachte die Kinder ins Trockene und kleidete sie mit frischen Kleidern. 

Am späteren Nachmittag, nach dem Mittagsschlaf – als die Sonne nicht mehr so stark war – machten wir eine Erkundungstour durchs Dorf. Bis anhin dachte ich immer, dass Obenemase ein sehr kleines Dorf sei. An diesem späten Nachmittag merkte ich jedoch, dass es gar nicht so winzig ist wie gedacht habe. So begegneten wir einigen bekannten Gesichtern, welche gerade vor ihrem Haus am kochen, essen oder einfach am verweilen waren. Da begegneten wir auch einer Freundin von Alice, sie kannte sie bereits bevor sie Isaac’s Vater kennenlernte. Diese Frau führte auch die Zeremonie vom One Week und obwohl ich kein Wort verstand, liebte ich es ihrer warmen Stimme zu zu hören. Man sah es ihrem Gesicht an, dass sie ein hohes Alter erreicht haben musste, aber man sah es auch ihrem Gesicht an, dass sie vermutlich ein sehr erfülltes Leben führt. Das ist natürlich nur eine Vermutung meinerseits und gerne lasse ich es auch bei dieser Vermutung stehen. 

Sie meinte zu Isaac: „Ich wünschte deine Frau würde mich verstehen, dann könnte ich ihr so vieles zeigen und erzählen.“ Da fragte ich Isaac, ob das ein Orangenbaum sei und zeigte in Richtung Baum, welcher hinter der Frau stand. Da strahlte sie und erzählte von ihren Orangen-, Kakao-, Mango und Papayabäumen. „Kakao, sie hat Kakao?“, fragte ich Isaac aufgeregt. Denn die Kakaofrucht war etwas, auf was ich mich kulinarisch am meisten freute. Ich wusste, dass Alice eine Kakaoplantage hatte und freute mich so sehr auf unseren Dorfbesuch, wo ich die Frucht vom Kern lutschen konnte. Als Alice von uns ging, wusste ich nicht, wann ich die Frucht tatsächlich essen werde. 

Kakaofrucht
Das Fruchtfleisch der Kakaofrucht
Nachdem das Fruchtfleisch von uns genossen wurde
Die Kakaobohnen wenn sie in der Sonne getrocknet werden. Diese werden anschliessend von den Kakaobauern an einen Händler verkauft.

Als Akwa (so ist ihr Name) uns zwei Kakaofrüchte holte, sagte ich zu Isaac, er soll ihr sagen, dass ich mich sehr freue (obwohl mir die Freude wohl ins Gesicht geschrieben war), da ich mich so sehr nach den Kakaofrüchte von Alice gesehnt habe. Auch sie erfreute sich, da ich mich freute und so verabschiedeten wir uns mit einem Lachen im Gesicht (und wohl auch im Herzen) und machten uns mit einem kleinen Umweg zurück zum Haus von Mr. Hagan (der Onkel von Isaac). Nicht lange dort angekommen stand auch schon eines der Enkelkinder von Akwa vor der Türe. Mit einem Sack voller Kakaofrüchten in den Händen. Ach, wie ich das bei den Menschen hier in Ghana liebe. Sie sind hier so Gastfreundlich. Obwohl es ihnen oftmals an Vielem fehlt, möchten sie das was sie haben mit einem teilen. So kommt es zum Beispiel immer wieder vor, dass wenn sie am essen sind und du dazu stösst, sie dich gleich zum Essen einladen. „You’re invited“, was soviel bedeutet wie, iss mit mir mit, wenn du möchtest. Oftmals kochen sie auch extra zu viel, denn es kommt hier immer wieder vor, dass Freunde oder Familie unangemeldet vorbei kommen. Und dann soll auch genügend da sein, damit man dem Besuch Essen anbieten kann.

Das Leben hier in Ghana ist nicht immer einfach und ich habe in meinem Leben schon lange nicht mehr soviel gemotzt wie die letzten Wochen. Genau deshalb ist es umso schöner, solche Momente zu erleben und auch bewusst wahrzunehmen. Momente wo mein Herzen strahlt und mich die Sorgen um mich herum vergessen lässt. 

Auf einer der Farmen, welche sich direkt im Dorf befindet.
Schafe, diese laufen hier im Dorf aber auch bei uns in der Stadt frei herum.

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