Bereits seit einigen Wochen mache ich Isaac immer wieder darauf Aufmerksam, dass ich unbedingt mein Visum verlängern muss. Eigentlich habe ich ein Jahresvisum, jedoch müsste man da alle 90 Tage wieder aus dem Land reisen und könnte dann ohne Probleme wieder einreisen. Dies hatten wir jedoch nie vor und wollten einfach vor Ort mit dem Immigrations-Center schauen und selbst wenn wir wollten, sind die Landesgrenzen hier seit diesem Virus geschlossen. Man kommt also nur noch mit zwei negativen Testergebnisse per Flugzeug nach Ghana. Oder man munkelt, mit dem Motorrad hin und zurück, wenn man die richtigen Kontakte hat. Da hat man aber logischerweise kein Aus- und Einreisestempel im Pass.
Vor ca. zwei Wochen sagte ich zu Joana, Isaac’s Schwester, dass ich nun mein Visum verlängern muss. Diese sprach mit Kollegen und einer dieser guten Freunde hatte Kontakt mit einem, der im Immigrations-Center arbeitet. (Hier macht man sehr viel immer über Kontakte) In unserem Fall wollten wir über diesen Freund gehen, da ich für eine Visum Verlängerung wieder einen negativen C-Test hätte machen müssen. Wie sinnvoll das wirklich ist, lässt sich streiten. Als Gaby vor zwei Wochen mit seinem Freund Kontakt hatte, hiess es, dass wir das Visum erst am 29. November – also einen Tag bevor es abläuft – verlängern können. Darum warteten wir und meldeten uns pünktlich am 29. November bei Gaby. Dieser wiederum meldete sich bei seinem Freund. Er sei gerade in Kumasi, die Stadt die ca. 5 Stunden von Accra weg ist.
Da schaltete sich mein Stress-Hormon ein und schlug Alarm. „Warum verlasse ich mich bei solchen wichtigen Angelegenheiten bloss auf andere Leute“, meinte ich zu Isaac. „Ich organisiere doch sonst immer alles selber, bin in der Schweiz immer total selbstständig und jetzt lasse ich mich auf diese Hilfe ein, weil man das in Ghana so macht und das kommt dabei raus.“ Meckerte ich einmal mehr bei Isaac. An seinem Gesicht sah ich, dass er genervt ist. Da streckte ich die Arme aus und meinte: „Willst du deine meckernde Frau umarmen? Sorry, ich bin es mir einfach gewohnt, dass ich immer alles pflichtbewusst erledige und ich bin jetzt einfach gestresst. Danke dass du mit den beteiligten telefonierst, du kannst ja auch nichts dafür“, und lächelte ihn dabei an.
Da es bereits zu spät war um noch zum Immigrations-Center zu fahren, einigten wir uns, dass wir das am nächsten morgen früh erledigen werden. Also gingen wir noch kurz einige Zutaten für das Abendessen einkaufen; wir kauften Avocado, reife Kochbananen, Zwiebeln, Tomaten, gelbe kleine Auberginen und Yam. Damit bereitete Mamee Yaa uns ein leckerer Auberginen-Stew (Sauce) zu. Als wir vom Einkauf nach Hause kamen – wir liessen die Kids mit Dave, denn auch Skyah wollte nicht mitkommen – sahen wir diese am Strassenrand, vor Bragos Nähshop mit ihren Sandkasten Spielsachen beschäftigt. Sie sammelten den Sand vor Bragos Shop und die kleinen Steine direkt am Strassenrand. Auch José war dort und beschäftigte Skyah – José ist Skyah’s absolute Lieblingsmensch hier. Manchmal steht sie auf dem Balkon und ruft: „Joséééé, Joséééé, Josééé!“ Dieser wohnt nähmlich nur ein Haus weiter oben und befindet sich oft im Vorhof und bastelt irgendetwas am Haus, sofern er nicht anderswo Arbeit hat. Also gesellte ich mich auch dazu und stapelte kleine Steine. Auch eine beruhigende Beschäftigung, wenn man sich einfach einmal dazu gesellen möchte.
Als ich dort sass hörte ich wie jemand nach Dave rufte, dieser ging jedoch mit Isaac nochmals gewisse Lebensmittel besorgen. Also rufte ich den Herr zu Brago’s Shop. Es war Gaby, welcher unsere Nummernschilder für unseren Van vorbeibrachte. Dazu sagte er mir, dass wir heute Abend noch zu seinem Freund ganz in der Nähe gehen und meinen Pass inkl. Passfotos vorbeibringen können. Die Nummer habe Isaac schon, er soll sich bei ihm melden sobald er wieder zurück ist. „Yess, thank you Gaby“, meinte ich. Ganz schön erleichtert setzte ich mich wieder hin und wartete auf Isaac. Als dieser wieder zurück war, erzählte ich ihm euphorisch, dass er sich sofort bei diesem Herr melden soll. Dies machte er und da es doch schon spät war und wir die Verantwortung für alle Kids hatten und Leroy, der Mittlere sich nicht wohl fühlte, machten wir den Termin auf den nächsten Morgen.
In der Nacht fühlte ich mich nicht sonderlich, bereits am Sonntag lag ich total flach. Eine Magenverstimmung und Fieber. Am Montag fühlte ich mich eigentlich wieder besser, das Abendessen war jedoch doch etwas viel und so spielte mein Magen wieder verrückt. Glatt habe ich den Termin bei diesem Typen verdrängt. Da ich in der Nacht sehr wenig Schlaf hatte und die Kinder am morgen so schön geschlafen haben, kehrte ich mich einfach wieder um und schlief weiter. Erst später realisierte ich, dass ich ja noch ein Passfoto benötige. Als mir das bewusst wurde, war es bereits zu spät. Isaac war fertig mit seinen Meetings und wollte los. So mussten wir auf dem Weg noch schnell ein Passfoto machen. „Da gibt es einen Shop, auf dem Weg zur Hauptstrasse“, meinte ich zu Isaac. Als wir dort ankamen, sagte mir der Typ vom Shop: „Die Fotos kann ich machen, jedoch muss ich noch etwas für den Drucker kaufen, damit ich die Bilder auch drucken kann.“ „Unter Instant Photos, verstehe ich etwas anderes“, dachte ich mir und meinte: „Sorry, wir haben es eilig, ich geh in einen anderen Shop.“ Auf dem Weg zur Hauptstrasse sahen wir noch so ein Shop, diesem fehlte jedoch das Fotopapier, also beschlossen wir uns zum Mall zu gehen. Kurz vor dem Mall erklang ein Geräusch beim Auto. „Der Motor überhitzt, hat das Auto kein Wasser?“ meinte Isaac und hielt am Strassenrand an. Nicht einmal eine Minute verging, da kam auch schon der erste Bauarbeiter von der Baustelle gegenüber und fragte ob er helfen kann. Als Isaac mitteilte, dass wir Wasser brauchen, holte dieser direkt Wasser. Was für ein Glück, dass die Menschen sich hier Gegenseitig helfen, so konnten wir nicht einmal nach 5 Minuten wieder weiterfahren.
Beim Mall geht eine Strasse runter zu den Parkplätzen sowie dem Eingang vom Mall. Als wir dort hinunterfuhren, sah ich ein Krankenwagen und ein Feuerwehrauto, sowie ganz viele Menschen vor dem Mall. „Nein, Isaac, ich glaube es nicht. Das sieht aus als ob der Mall evakuiert wurde“, sagte ich mit verunsicherter Stimme, „frag jemand, ob man überhaupt in den Mall reinkommt“. Da meinte der Mitarbeiter vom Pizza, Pizza, welcher auf dem Parkplatz stand: „Nein, ein Feuer ist ausgebrochen, wir mussten alle das Gebäude verlassen“.
„Super, wie gross ist die Chance, dass dieser Mall genau jetzt evakuiert wird“, dachte ich mir. Aber anstatt genervt zu sein, fragten wir, wo es denn der nächste Shop für Passbilder gebe. Sie zeigten uns den Weg und zu unserem Glück, lag einer dieser Shops direkt auf dem Weg. Dort angekommen eilte ich in den oberen Stock vom Gebäude und zahlte 10 Ghana Cedis (umgerechtet 1.50 Franken) und wartete bis die zwei Herren vor mir dran waren. Gestresst sass ich da und diverse Gedanken schwirrten mir durch den Kopf: „Hoffentlich geht das nicht all zu lange! Warum mache ich die Bilder denn bloss erst heute? Warum habe ich diese nicht bereits vor zwei Wochen gemacht? Hoffentlich kommen wir nicht all zu spät.“
Tatsächlich ging es nicht mehr sehr lange und wir machten uns wieder auf den Weg in Richtung Zuhause von unserem Kontakt, ich nenne ihn Mark. Mark war gemäss Isaac bereits genervt, da wir tatsächlich viel zu spät waren. Ich wagte mich gar nicht erst auf die Uhr zu schauen und ging ohne Zeitgefühl zum Haus. Vor Ort entschuldigte ich mich einige Male und schämte mich. Dieser war jedoch vollkommen entspannt und führte uns in sein Haus mit schönem Garten. So könnte ich auch leben; ein kleines Haus mit schönem Aussenbereich, wo ich den Kids ein Kinderbecken aufstellen könnte und so wie ich mir das immer bildlich vorgestellt habe, ein Grossteil meiner Tage draussen im Bikini verbringen könnte. Naja, unser Leben hatte andere Pläne für uns und das ist auch okay.
Im Haus nahmen wir Platz und ich dachte, dass wir einfach die nötigen Infos austauschen werden. Dem war jedoch nicht so, so meinte Mark, dass wir jederzeit bei ihm Zuhause willkommen sind. Als ich ihm meinen Pass, das Passfoto und sonstige nötigen Infos gab, lud er uns direkt noch zum Morgenessen ein. Seine Frau kochte uns ein leckeres Omelette mit reichlich an Gemüse, Brot und Milo (man nennt es hier Tea, dieses Getränk besteht aus Schokopulver, heissem Wasser und Kondensmilch) „Lecker“, dachte ich mir, „hoffentlich bleibt mein Magen schön brav.“ Die Kids erhielten einen Zuckerschock durch Süssgetränke und Kekse und benahmen sich anschliessend auch so als ob sie ganz viel Zucker gegessen hätten. So wie es sich in der Schweiz gehört, versuchte ich die Kids unter Kontrolle zu halten. „Silas, mach das nicht, Skyah stopp“, dirigierte ich. Da meinte Mark; „Lass die Kids in Ruhe, die sollen sich ruhig austoben. Wir hatten schon lange nicht mehr so kleine Kinder bei uns, so hat meine Frau etwas zu tun.“ Auf eine Art fand ich es total cool, dass man hier in Ghana die Kids immer wieder lassen kann und niemand direkt genervt ist oder komisch rüberschaut, wenn sich die Kinder nicht nach Regeln verhalten. Anderseits fand ich als Hausfrau den Spruch: „Dann hat meine Frau auch wieder einmal etwas zu tun.“ Doch ein wenig herablassend. Eventuell war es ja auch nur ein Witz und ich nehme es zu persönlich, da ich finde, dass ein Haushalt selbst ohne Kleinkinder viel Arbeit gibt.
So nun bin ich gerade ohne Passport unterwegs und hoffe, dass ich diesen vor unserer Abreise ins Dorf noch erhalten werde. Und ansonsten sollte ich ja langsam gelernt haben, die Situationen locker und so zu nehmen wie sie sind. Entspann dich mal Rahel 😉
Sorry in diesem Artikel habe ich keine Bilder für euch. Die letzten Tage habe ich oftmals einfach so hingenommen und komplett vergessen überhaupt etwas fotografisch festzuhalten.