Heute ist es soweit, wir machen uns auf den Weg Richtung Obenemase ins Dorf von Alice. Morgen ist der erste Tag der Beerdigung. Eine Ashanti Beerdigung dauert in der Regel drei Tage und fängt immer am Freitagabend an. Hierzu aber später.
Als wir uns also am Donnerstagmorgen zwei Stunden später als geplant, mit zwei Taxis auf den Weg Richtung Bus-Sammelstelle im City-Center machten, war ich bereits nervös. Eine ganze Woche im Dorf, das wird bestimmt anstrengend. Christian, der Mann meiner Schwägerin, war mit dem Auto bereits im Dorf. Da wir dieses Mal insgesamt neun Personen waren, machte es mehr Sinn den Bus zu nehmen. Obwohl meine Schwägerin uns alle in ein Auto quetschen wollte. Für mich kam dies jedoch nicht in Frage. Als wir das Gepäck vom Haus Richtung Taxis brachten, lachte Brago und meinte: „Kommt ihr nicht mehr zurück?“ Dabei hatten wir doch für vier Personen nur einen grossen Koffer und zwei Rucksäcke. Natürlich musste ich trotzdem lachen und meinte: „Nein, ich habe genug, ich fliege von Tamale direkt zurück in die Schweiz.“ Bei der Bus Station angekommen, die Fahrt dauerte 50 Minuten, holte Isaac zusammen mit Dave unsere Bus Tickets. Pro Person zahlten wir 60 Ghana Cedis (umgerechnet ca. Fr. 9.00) und für sämtliches Gepäck (auch von unseren Neffen und Nachbarin) zahlten wir 40 Ghana Cedis (Fr. 6.00). Laut unseren Nachbarin Brago zahlte Isaac für das Gepäck zu viel. Da lächelte ich und meinte: „Du bist jetzt mit mir unterwegs, gewöhn dich besser daran, dass wir immer zu viel bezahlen ;)“

Die Busreise selbst ist reibungslos und schneller als angenommen verlaufen. So hatten wir mit Taxifahrt von Accra bis Obenemase inkl. Pause knapp 5 Stunden. Auch die Kinder waren grösstenteils zufrieden. Wieder einmal kann ich unsere Kinder in hohen Tönen loben, wie unglaublich geduldig sie sind. Eine so lange Fahrt und ich hörte maximal 3-4 mal; „Mami, mir ist langweilig.“ Skyah schlief die Hälfte der Fahrt und die zweite Hälfte war sie eigentlich auch ziemlich ruhig und setzte sich immer wieder irgendwo auf die Schoss. Als Silas dann endlich seinen Schlaf fand, rief der Chauffeur kurze Zeit später: „Konongo, wer muss hier raus, Konongo.“ Keine Antwort. Plötzlich schaut mich Brago an, Isaac vor mir im Todesschlaf. „Müssen nicht wir hier raus?“, fragte sie. Ich rüttelte Isaac wach, da meldete sich der Fahrer nochmals: „Konongo, seid ihr am schlafen?“ Da rief Isaac nach vorne: „Oh ja, das sind wir!“ Nun hiess es vorwärts machen; also zogen wir resp. ich unseren Kindern die Schuhe an (zum guten Glück sind meine Neffen bereits so selbsständig und taten dies ohne sie aufzufordern), packten unser Zeugs wieder ein und schon hielt der Bus an. Ich konnte mir Skyah gerade noch auf den Rücken binden und wir mussten uns nach vorne eilen. Denn der Bus hielt mitten in der Hauptstrasse, da blieb nicht viel Zeit. Ein kurzer Blick zurück und ich hoffte, dass wir auch wirklich alles eingepackt haben.

In Konongo warteten wir, bis Brago für uns zwei Taxis besorgte, denn wenn Isaac, die Kids und ich das machen würden, wäre der Preis bestimmt doppelt so hoch. Dachten wir zumindest, als Isaac mit einem Taxifahrer sprach, konnte er trotzdem den richtige Preis aushandeln. Natürlich wussten wir, was man hier in der Regel bezahlt, sonst hätte der Preis je nachdem trotzdem anders ausgesehen. Ein Trick ist nämlich, den Preis im Voraus zu kennen und dann direkt den Ort inkl. Preis dem Taxifahrer mitzuteilen. Dies klappt hier meistens ganz gut. Also fuhren wir noch einmal ca. 10 min im Taxi und schon waren wir im Dorf, jedoch vor verschlossenem Hauseingang. Im Dorf schlafen wir jeweils in einem Zimmer im Haus von Isaacs Onkel Mr. Hagan. Dieser war noch nicht da und der Typ der auf das Haus aufpasst, auch nicht. Also kletterte Dave kurz über die Mauer und öffnete das Tor für das Auto von innen, damit wir unser Gepäck in den Innenhof stellen konnten. Anschliessend machten wir uns auf den Weg in Richtung Familienhaus. Dort waren die Frauen der Familie und Kinder, resp. mittlerweile junge Frauen (welche bei Alice aufwuchsen) und bereiteten im Innenhof ein Teil vom Essen für die Beerdigung vor. Wenn ich die Frauen da beobachtete, wie sie mit einander schwatzten – bestimmt drei bis sogar vier Generationen – und das Essen zubereiteten, öffnete sich mein Herz. Zwar kann ich es nicht genau ausdrücken, was mich genau berührte, jedoch war es einfach schön mit anzusehen.
Für uns gab es Kenkey (ein runder Ball gemacht aus fermentiertem Mais) mit Tomaten-Stew und die Kids mussten noch ein wenig auf ihren Reis warten. Kenkey ist nämlich ziemlich gewöhnungsbedürftig und es muss sehr gut zubereitet sein, dass es auch wirklich schmeckt. Zumindest für meinen Geschmack. Der Kenkey-„Ball“ wird übrigens in einem Mais Blatt eingewickelt und so serviert. Dieses Blatt wickelt man vor dem Essen einfach wieder ab. Etwas später assen die Kinder dann ihren Reis, ohne Tomaten Stew, da die Frauen hier im Dorf immer ziemlich scharf kochen. Unsere zwei Kinder werden wohl hier im Dorf wieder auf Diät sein. Zum Glück habe ich aber noch für Snacks vorgesorgt, denn natürlich war mir dies im Voraus bekannt. Nachdem wir alle gegessen hatten, spielten die Kids miteinander. Isaac war in unterschiedlichen Gesprächen verwickelt und ich schaute den Kindern beim Spielen zu und beobachtete wie immer die Menschen um mich herum. Wie sie miteinander reden und lachen und ich starre wohl oftmals und wundere mich, über was wohl gerade gesprochen wird.

Als es am eindunkeln war, stellte plötzlich das Licht ab – Lightoff. Etwas, was mich mittlerweile nicht mehr überrascht. Denn es ist ganz normal, dass man hier täglich Lightoff (Stromausfall) haben kann. So stellten sie im Innenhof ein Licht auf, damit die Frauen weiter kochen konnten. Diese kochen übrigens über der Glut – man nennt das hier Coalpot – beim Familienhaus gibt es keinen Gaskochherd. Bei der Menge, welche sie für das Fest kochen, macht das so oder so mehr Sinn, da die riesigen Töpfe gar kein Platz auf einem Herd hätten. Irgendwann entschlossen wir uns dann zurück zu Mr. Hagans Haus zu gehen, damit wir die Kinder langsam Bettbereit machen konnten. Dort angekommen, schien vor dem Haus eine Lampe – im Haus selbst war es jedoch dunkel. „Hat Mr. Hagan Solar? Ich höre gar kein Generator.“, fragte ich Isaac. Dieser meinte: „Nein, schau, das ist einer dieser LED Lampen, welche noch einige Stunden nach Stromausfall weiter leuchten.“ „So toll, meinte ich, „so etwas könnten wir auch bei deiner Schwester besorgen. Das ist ja total praktisch.“
Unser Gepäck war auch bereits in unserem Zimmer, also setzten wir uns noch ein bisschen auf die Veranda und liessen die Kinder noch ein wenig spielen. Als wir uns hinsassen und den Kinder zuschauten, hörten wir auch schon das Hupen eines Autos. Das ist bestimmt Mr. Hagan, der hupt nämlich immer, dass der Typ der auf sein Haus schaut, das Tor für das Auto öffnet. In diesem Moment kam auch schon Kofi und öffnete Mr. Hagan das Tor. Mit seinem schwarzen Mazda fuhr er durchs offene Tor und parkierte sein Auto. Als Mr. Hagan aus dem Auto ausstieg kam er auch gleich auf uns zu. Für mich und Isaac gab es eine grosse Umarmung und für die Kids eine Fist-Bump. Da stieg auch schon seine Frau Charity und ihre Geschwister aus dem Auto. Wir alle grüssten uns. Maa Charity war eine der Verwandten von Isaac, welche ich immer sehr gerne mochte. Sie hat eine so herzliche Art, welche ich jeweils schätzte. Dasselbe gilt auch für Mr. Hagan. So freute ich mich, sie wiederzusehen.
Nachdem wir uns Grüssten, ging Isaac’s Onkel und Tanten auch direkt ins Zimmer. Isaac half noch beim ausräumen und ich ging bereits einmal Richtung Zimmer. Die Kinder müssen schliesslich bald ins Bett, es ist doch schon ziemlich spät. Als die Kinder Bett-parat waren, legte ich mich wie gewohnt, mit ihnen ins Bett und Silas durfte wie immer erzählen, was ihm heute am besten gefallen hat. „Die Truck-Rädli mit Zachary runterrollen lassen“, meinte er. Als beide Kinder irgendwann einschliefen, machte ich mich auf den Weg nach draussen zu Isaac. Tatsächlich war dieser alleine draussen und wir konnten doch noch den Abend zu zweit geniessen. Mittlerweile, weiss ich gar nicht mehr so recht, über was wir sprachen. Was mir jedoch in Erinnerung blieb, wir hatten seit langem wieder einmal einen schönen Abend zu zweit. Wie ich die Gespräche mit Isaac alleine vermisst hatte und endlich war sie wieder da, unsere Zweisamkeit. Zufrieden ging auch ich ins Bett, denn die Tage werden bestimmt anstrengend.