Im Dorf wird man meistens bereits frühmorgens geweckt. Sei es durch die verschiedenen Hähne in der Nachbarschaft, die Musik aus den Boxen oder in der Vergangenheit sogar um 6 Uhr morgens ein Mann der durch Lautsprecher in hoher Lautstärke Werbung für Autoteile machte. Ich erinnere mich noch genau daran, es war am morgen vom One Week Fest und ich dachte, dass jemand vor unserem Haus für Alice predigt, erst später erfuhr ich, dass das eigentlich Autowerbung war. Da musste ich laut lachen, da ich immer dieses Vorurteil habe. Wenn jemand durch Lautsprecher schreit, dass die Leute hier dann von Jesus predigen. Da verwechselte ich auch schon einmal eine Werbung über die blaue Pille und meinte, dass hier von Jesus die Rede war, tatsächlich sprach der Mann über Männer und ihr „bestes“ Teil.
Egal wie früh ich geweckt werde, ich stehe jeweils erst auf, wenn die Kinder wach sind. Damit ich auch ja genug Energie für den ganze Tag habe. Bei jedem Geräusch das ich höre, wälze ich mich manchmal von links nach rechts, bis eines der Kinder auch wach wird. Meistens ist Skyah generell die erste, welche wach ist. Silas hat seit wir das erste Mal in Ghana waren einen sehr tiefen Schlaf. Aber sobald Skyah wach wird und anfängt zu plappern, wird er meistens auch wach. Heute war es ca. 8.00 Uhr, wir alle schliefen, bis Joana mit lauter Stimme ins Zimmer platzte. Sie meinte zu Isaac: „Los steh auf, wir haben viel Arbeit zum erledigen.“ Es ist lustig, die Menschen hier kümmern sich nicht ob ein Kind schläft. Sie sprechen in genau der Lautstärke wo sie immer sprechen, ob da jetzt ein Kind schläft oder nicht. Die Kinder sind sich das hier wohl gewohnt und schlafen auch meist seelenruhig weiter. Ich hingegen zucke jedes Mal zusammen und hoffe, dass unsere Kinder weiterschlafen.
Isaac war super müde, da er die letzten Tage sehr viel gearbeitet hat. Er hat bestimmt drei Nächte nicht mehr richtig geschlafen, da ich die letzte Woche nicht sonderlich fit war und er sich nebst seiner Arbeit auch noch mehr oder weniger um den Haushalt kümmern musste resp. Anweisungen geben, wer was erledigen soll. Denn seit Joana immer wieder weg ist und unsere Haushaltshilfe noch nicht richtig eingeführt wurde, kommt unsere Nachbarin Brago immer mal wieder zu Besuch, um uns auszuhelfen. Da bin ich wirklich sehr sehr froh drüber. Denn irgendwie tue ich mich die Tage schwer überhaupt etwas zu machen. Auch bleiben mir – bei diesen wenigen Zutaten welche ich hier in der Umgebung finden kann – die Kochideen aus. Als Isaac dann erfuhr, dass er die nächsten drei Tagen höchstens 2-4 Stunden schlafen wird, hoffte er dass es sich hier um einen Witz handelte. Später stellte er jedoch fest, dass es kein Witz war, hierzu aber später.
Ehrlich gesagt, jetzt wo ich über das ganze Beerdigungswochenende schreiben möchte, merke ich dass ich ziemlich viele Erinnerungslücken habe. Als ob mein Kopf es verdrängen möchte oder ich eventuell selbst oft nicht richtig anwesend war. Am Freitag war ich mit den Kindern für lange Zeit in Mr. Hagans Haus. Skyah fühlte sich nicht sonderlich und ihr Körper war richtig warm. Sie hatte Fieber, dehalb versuchte ich sie so gut wie möglich zu schonen. Irgendwann kam Brago vorbei und sagte: „Ich habe dich heute den ganze Tag nicht gesehen, was hast du getrieben?“ Da erzählte ich, dass Skyah krank sei und wir aus diesem Grund den Tag langsam angehen. Auch sie fühlte sich nicht gut und hustete immer wieder. Also setzten wir uns ins Wohnzimmer aufs Sofa und redeten über alles mögliche. Aber vorallem die Ashanti Kultur und dessen Regeln. „Mir bereiten Kulturen, welche uns Menschen so einschränken ganz schön Mühe“, meinte ich. Und sie hatte vollkommen Verständnis. Auch sie hat ziemlich Mühe mit einigen Regeln dieser Kultur. Vorallem auch mit den Unmengen an Beerdigungskosten. Sie meinte, dass das Ganze eine enorme Geld- und Zeitverschwendung sei. Dass das ganze einfach eine Menge Stress für die Trauernde sei. Ich selbst wollte das ja nie so richtig aussprechen – man möchte ja niemanden verletzen – sie sprach mir regelrecht aus der Seele. Darüber hatte ich immer wieder einmal Diskussionen mit meiner Schwägerin, denn dort getraute ich ehrlicher zu sein. Auch aus dem Grund, da ich ja mit ihr zusammen lebe und zu gewissen Sachen mein Recht zum „Nein“ sagen in Anspruch nahm. Nicht dass sie selbst alles gut findet, so wie es heutzutage praktiziert wird, aber doch gab es ab und zu Diskussionen, da ich das Gefühl hatte, dass man sein Gesicht wahren möchte.
Da gibt es zum Beispiel eine Tradition, dass man der Schwiegerfamilie, sprich – meinen und dem Mann meiner Schwägerin – unsere Eltern mit einem Schnapps an die Beerdigung einlädt. Diese sind dann dazu verpflichtet etwas an die Beerdigung beizusteuern. Man spricht hier von beiden Familien zusammen von ca. 6000 Ghana Cedis (umgerechnet Fr. 900.00). Als Isaac mir sagte, dass er meiner Mutter einen Schnapps vorbeibringen sollte, musste ich vor ihm laut rauslachen. Meiner Mutter? Einen Schnapps? Du weisst doch dass meine Mutter kein Alkohol mag?
Meine Mutter ist normalerweise eine wirklich sehr spendable Frau. Immer wieder wenn ich irgendwelche Ideen hatte, wie man die Menschen hier unterstützen kann, bot sie ihre Hilfe an. Auch sonst hilft sie immer wieder Menschen, wenn sie ihre Unterstützung brauchen können. In diesem Fall hier war sie jedoch nicht bereit und ich konnte sie total verstehen. Nicht nur weil wir beide eine Beerdigung in diesem Ausmass als übertrieben empfinden, sondern auch hauptsächlich nicht, nachdem ich in den letzten Monaten als Person weder wahrgenommen noch meine Anliegen akzeptiert wurden. Es hiess immer; du bist jetzt in Ghana und du musst dich auch wie eine Ghanaerin verhalten. Auf eine Art verständlich, schlussendlich bin ich wirklich in Ghana, auf die andere Art finde ich, dass man jeden Mensch nach seinen Belangen leben lassen soll. Klar gibt es gewisse Grenzen – aber das finde ich gilt für beide Seiten. Dass meine Mutter kein Geld an die Beerdigung beisteuern wollte, löste wiederum unangenehme Diskussionen aus. Denn wenn man das nicht macht, könnte man ja seinen Kopf verlieren. Um das Wohl der Familie zu wahren, haben ich und Isaac uns entschieden, das Geld einfach selbst beizusteuern. Für mich persönlich habe ich das zum Wohl von Isaac akzeptiert, da ich mittlerweile weiss, dass es nicht einfach ist zwischen zwei so unterschiedlichen Kulturen zu stehen. Wieviel wir dann wirklich beigesteuert haben, habe ich keine Ahnung und vermutlich ist es auch besser, wenn ich das auch nicht weiss.. Wie heisst es so schön; was man nicht weiss, macht dich nicht heiss. Wie auch immer.
Wieder einmal bin ich ein bisschen abgeschweift und so komme ich wieder zurück zum Fest. Brago und ich machten uns irgendwann auf den Weg Richtung Familienhaus, da sie mir zeigen wollte wie es mittlerweile geschmückt ist. Isaac war in dieser Zeit übrigens in der Stadt mit seinem Schwager, um noch ein paar Dinge zu besorgen. Wie es in Ghana meistens zu erwarten ist, passierte das erwartete unerwartete. Sie hatten eine Autopanne und er wusste nicht, wann genau er wieder zurück sein wird. Früher hat mich das noch genervt, da ich nicht gerne alleine war. Mittlerweile nervt es mich kein bisschen mehr, da ich es bereits mit einberechne 😛 „Hoffentlich schaffst du es noch pünktlich, damit du hier bist wenn deine Mutter ins Dorf kommt“, meinte ich. Hier im Dorf hat man den Glauben, dass eine Leiche nicht vor 16.00 Uhr über den Fluss gebracht werden darf. Denn die Menschen hier glauben, dass jeder Fluss ein kleiner Gott ist. Und auch da muss man gewisse Regeln beachten. Bevor man mit der Leiche über den Fluss fahren darf, schenkt man zuerst Schnapps auf den Boden, um dem Gott eine Geste der Dankbarkeit zu zeigen. Wenn man das nicht macht, könnte der Gott wütend werden. So erzählten sie uns, als einmal diese Regel nicht beachtet wurde und vor 16.00 Uhr den Fluss überquerten, sich bei Ankunft auf einmal die Türe der Ambulanz strikt nicht mehr öffnen liessen. Das für mehrere Stunden, bis sich aus dem Nichts die Türen wieder öffneten. Dazu habe ich am Fest auch erfahren, dass man im Allgemeinen nicht vor 06.00 Uhr morgens den Fluss überqueren darf. Aus welchem Grund konnte mir Maa Charity nicht erklären. Sie meinte ich solle mit den Älteren im Dorf sprechen. Je nachdem wenn die Zeit noch reicht, werde ich das vor meiner Abreise in die Schweiz noch tun und euch darüber berichten.
Es war 19.00 Uhr und plötzlich wurden die Menschen im Innenhof unruhig. Brago meinte: „Alice ist hier, die Ambulanz ist angekommen.“ Also bewegte auch ich mich mit der Menge mit und beobachtete das Spektakel. Ich nenne es Spektakel, da es für mich ein wirklich extrem fremdes Erlebnis war. Etwas das ich in diesem Ausmass noch nie erlebt habe. Wie ich das genau in Worte fassen soll, weiss ich selbst noch nicht. Es war eine Energie im Raum, welche einem selbst einfach zum Weinen brachte. Alle Menschen, vorallem die Frauen, schrien, weinten, warfen ihre Hände über ihre Köpfe und brachen auf dem Boden zusammen. Sie schrien in voller Lautstärke: „Oh Alice, wieso, nein Alice, es ist wirklich wahr, du bist nicht mehr mit uns, oh Alice.“ Als ich beim Eingang ankam, stand da eine Ambulanz mit grünlicht und Brago warnte mich noch vor, plötzlich schalteten sie das Licht vom Haus aus. Da kamen sie, mit dem Sarg noch im Karton verpackt. „Nun ist sie im Haus“, dachte ich mir. Jedoch war Alice Körper nicht im Sarg. Alice selbst trugen sie im Leichensack ins Haus. In das Wohnzimmer, wo für diesen Anlass umgestaltet wurde. Gemäss Brago wird sie in dieser Nacht dort gewaschen, geschminkt und schön eingekleidet. Bereit gemacht für die Beerdigung.
Skyah’s Körper war mittlerweile schon richtig heiss, so entschloss ich mich, zurück ins Zimmer zu gehen. Später am Abend war der Plan, dass wir noch ins Hotel gehen. Hierfür musste ich jedoch auf Christian warten, damit er uns dorthin fährt. Aus diesem Grund ging ich zuerst in unser Zimmer, beim Haus von Mr. Hagan. Damit wir es bequem haben, machte ich beide Kinder bereit für ins Bett und legte mich auch gleich hin. Die Musikboxen waren übrigens direkt vor unserem Schlafzimmer und die Musik dröhnte so laut aus den Boxen, als ob wir uns mitten in einem Club befinden. „Zum guten Glück gehen wir später ins Hotel“, dachte ich mir. Irgendwann nahm mich meine Müdigkeit aber doch noch und ich schlief ein. Als ich irgendwann um 1 Uhr nachts wach wurde und die Musik noch genau so laut war, rief ich Isaac an und fragte ihn, wann ich und die Kids denn ins Hotel gehen. Als er meinte, dass Christian bereits ohne uns ins Hotel ging, war ich im ersten Moment genervt. Wie soll ich denn zu meinem Schlaf kommen, wenn es hier so laut ist. Da erwiderte er: „Danzo ist noch hier, er kann euch auch fahren. Du warst am schlafen, da wollte ich dich nicht wecken.“Erst da bemerkte ich, dass ich eigentlich gar nicht unbedingt Lust habe um diese Zeit beide Kids noch zu transportieren. Lustig, wie die Emotionen manchmal einfach mit einem durch gehen und später dann merkt, dass es ja eigentlich gar kein Problem ist. Da meinte ich: „Lass mich einmal abwarten, wie lange und wie laut es hier sein wird. Falls es gar nicht geht, melde ich mich nochmals bei dir.“ Also kehrte ich mich wieder und suchte meinen Schlaf erneut. Irgendwie gar nicht so einfach deinen Kopf bei dieser lauten Musik abzuschalten. Also erinnerte ich mich an meine gute Freundin Carmen und atmete tief ein und wieder tief aus, versuchte mich auf meinen Atem zu konzentrieren. Und das immer und immer wieder. Ich glaube ich habe immer wieder ein bisschen geschlafen, aber nie so richtig tief. Irgendwann gegen 2 Uhr schalteten sie dann die Musik bei uns vor dem Haus aus, man hörte nur noch den laute Bass von den Musikboxen beim Dorfplatz. „Naja, definitiv besser als wenn die Musik direkt vor dem Zimmer ist“, dachte ich mir und drehte mich wieder von links nach rechts.
Auf einmal aus dem Nichts war einfach alles leise. „Liiiiightoff, juhuuuu“, jubelte ich leise vor mich hin und wirbelte mit voller Freude mit den Händen. Jetzt kann ich nur hoffen, dass es die ganze Nacht so sein wird. Jetzt wo ich das so schreibe muss ich lachen, denn mein Denken war ganz schön egoistisch. Die armen Jungen, welche die ganze Nacht wach sein mussten, um das Fest vorzubereiten, standen im Dunkeln und ohne Musik da und mussten mit dem wenigen Licht welches sie hatten zurecht kommen. Aber für mich war das in dem Moment ein kleines Fest, da ich wusste, dass ich nun endlich zum Schlafen komme. Denn wer weiss, wie gut es Skyah morgen geht, da war ich um jede Minute ruhigen Schlaf froh.
Isaac war die ganze Nacht vom Freitag auf Samstag wach. In der Ashanti Tradition gehört es sich, dass die Jungen zusammen trauern und zusammen die restlichen Sachen vom Fest vorbereiten. Wie das Ganze weiter ging, werde ich euch in einem nächsten Artikel erzählen.
Ein Kommentar zu “Die Ashanti Beerdigung meiner Schwiegermutter 1. Tag”