Krank und auf Medikamenten am 3. und letzten Tag der Ashanti Beerdigung meiner Schwiegermutter

Lange ist es her, seit ich meinen letzten Blogartikel veröffentlicht habe. Einige von euch fragten sich, wo ich denn geblieben bin. Und genau deshalb möchte ich die Geschichte nun doch noch fertig erzählen. So setzte ich mich immer wieder an mein Notebook und versuchte mein Erlebnis vom letzten Tag der Beerdigung von Alice in Worte zu fassen.  

Als der Tag des Begräbnis (am Samstag, hier den Artikel dazu) zu Ende war, legten wir uns alle total erschöpft ins Bett. Irgendwann in der Nacht erwachte ich und merkte wie sich mein ganzer Körper so schwer und schwach anfühlte. „Es hat mich also schon wieder erwischt“, dachte ich mir. Die letzten vier Monate war ich soviel krank wie noch nie. Bestimmt durch das veränderte Umfeld, der viele Staub – aber meiner Meinung nach der grösste Faktor – wegen des enormen emotionalen Stress. Ja, ich bin müde, ich bin verzweifelt, ich bin ausgelaugt und ich mag einfach nicht mehr. Und nun liegt noch mindestens ein Tag vor mir, wo meine Person viel Aufmerksamkeit „geschenkt“ wird und am liebsten würde ich irgendwo in einem Loch verschwinden und mich die nächsten Tage bei Niemandem mehr blicken lassen. So gerne ich das wollte, riss ich mich nochmals zusammen und nahm in dieser Nacht noch ein schwaches fiebersenkendes Medikament, damit ich wenigstens noch zu genügend Schlaf kommen konnte und hoffte dass ich am nächsten Tag fitter sein werde. 

Als ich am nächsten morgen erwachte, fühlte ich mich immer noch schwach. Das Medikament hat seine Wirkung jedoch noch nicht ganz verloren. Um vorzusorgen, nahm ich gleich die nächste Dosis – was überhaupt nicht meiner Natur entspricht. Das einzige Medikament, welches ich in der Vergangenheit meinem Körper gegeben habe, war „Panadol“ oder „Dafalgan“ gegen sehr starke Kopfschmerzen. Ansonsten liess ich meinem Körper bereits in meiner Kindheit immer die nötige Ruhe, bis er sich von selbst wieder erholen konnte. Heute war dies jedoch anders. Mir war bewusst, dass ich an diesem letzten Tag wieder viel Kraft brauchen werde und entschied mich bewusst für schmerz- und fieberlindernde Medikamente. 

Am Sonntag, der letzte Tag der dreitägigen Beerdigung meiner Schwiegermutter gingen wir als Erstes zum Morgenessen. Es gab gebratene Eier, Milo (Schokoladen“Milch“, man richtet das Schokoladenpulver zusammen mit heissem Wasser und Kondensmilch an) und Brot. Dieses Frühstück war mein Lieblingsfrühstück. Simpel aber lecker. Anschliessend machten wir uns zurück zum Haus von Mr. Hagan und zogen unser letztes Outfit für den letzten Tag der Beerdigung an. Diesmal war es ein schwarz/weisses Kleid und wieder eine andere Form. An Sonntagen trägt man an Beerdigungen nach Ashanti Tradition immer schwarz/weiss. Isaac trug wieder ein schwarz/weisses Tuch um seinen Oberkörper und darunter eine weisse Hose. Nachdem wir alle gekleidet waren, machten wir uns auf den Weg zur Kirche. Am Sonntag gehen die Ghanaer jeweils zum Gottesdienst, auch an Beerdigungswochenenden wie diesem. 

Obwohl mir bewusst war, dass ich wohl kein Wort vom Gottesdienst verstehen werde, wollte ich unbedingt dabei sein. Irgendwie fühlte ich mich dazu verpflichtet. „Als Schwiegertochter wird das doch bestimmt von mir erwartet“, dachte ich mir. Jetzt rückblickend merke ich wieder einmal mehr, wie oft ich mich doch von irgendwelchen Gedanken, was Andere denken könnten, beeinflussen liess. Der andere Grund, weshalb ich zum Gottesdienst gehen wollte; Alice war die Beziehung zu Gott immer enorm wichtig und der Gottesdienst in der Kirche von Obenemase war jeweils ein sehr wichtiger Teil ihres Lebens. Und ich war noch nie in dieser Kirche. Deshalb ging ich an diesem Sonntag zusammen mit den Kindern und Isaac zum Gottesdienst und wie erwartet, verstand ich kein einziges Wort. Denn der Gottesdienst war in der Sprache der Ashanti in Twi (engl. Akan). Die Kinder hatten logischerweise nicht sonderlich Lust, dort in den Stühlen zu sitzen und wurden unruhig. Wie so oft, war mein Handy mein treuer Begleiter und ich versuchte sie mit Handy-Spielen abzulenken. Irgendwann fingen die Kinder an zu streiten. Und so wurden sie immer wieder laut und die Menschen in der Kirche kehrten sich um und die Blicke gingen in meine Richtung. Irgendwann entschied ich mich, den Gottesdienst zu verlassen und zurück zum Haus zu gehen. 

Ich und die Kinder in der Kirche
Eigentlich untypisch, Männer sind in Ghana immer top frisiert resp. rasiert.

Als ich mich auf den Weg Richtung Haus machen wollte, traf ich Linda vor der Kirche. Diese fragte mich erstaunt: „Warum gehst du denn schon, der Gottesdienst hat doch erst begonnen.“ Da meinte ich: „Ich verstehe ja so oder so nichts.“ Nach meinem Empfinden schaute sie mich komisch an und mir wurde unwohl. „Habe ich gerade etwas falsches gesagt?“, dachte ich mir. Und wie so oft, versuchte ich mich mit anderen Worten zu retten. Ich wollte mich so ausdrücken, dass ich auch niemanden dabei verletzen könnte. Also fügte ich folgendes an: „Die Kinder wurden unruhig und ich wollte den Gottesdienst nicht stören.“ Irgendwie sah ihr Gesicht nach diesem Satz verständnisvoller aus und so verabschiedeten wir uns. Schon lustig, wie wir Menschen andere Menschen durch ihre Mimik und Gestik interpretieren und oftmals mit unserer Interpretation vermutlich auch falsch liegen. So lassen wir uns von solchen Gedanken im Leben aufhalten, obwohl hinter dem Blick womöglich überhaupt keine Kritik stand. 

Zurück im Haus versuchte ich mich ein wenig hinzulegen, um mich zu erholen. Ich spürte wie mein Körper nach Erholung schrie und ich konnte/wollte es ihm einfach nicht geben. Also nahm ich noch einmal eine Portion der Ibutropfen, damit ich für den Nachmittag wieder genug Kraft hatte, um mich unter die Trauergesellschaft zu mischen. Jetzt wenn ich das im Nachhinein so reflektiere, merke ich, wie ich meinen eigenen Prinzipien fremdging, nur damit man nicht über mich redete. Als ich dann mit den Kindern wieder zum Platz lief, war es ziemlich genau wie am Samstag. Die Gäste sassen um den Dorfplatz, die Familie tanzte immer wieder zur Live-Musik und zwischendurch rief Akwa ins Mikrofon, wer gerade Geld an die Beerdigung gespendet hat und von wem sie zur Beerdigung eingeladen wurden. Zwischendurch erwähnte sie immer wieder meinen Name, obwohl niemand meinetwegen zur Beerdigung kam. Isaac, Joana, Christian und ich mussten lachen. Akwa meinte es gut mit mir und wollte nicht, dass ich nie erwähnt wurde. Also änderte sie manchmal die Namen auf dem Schein, welcher bei der Geldspende abgegeben wurde. Das zeigt wieder, was für eine herzliche Frau Akwa ist, ihre Begegnung am One Week (hier kannst du den Artikel nachlesen) berührte mich damals schon sehr. 

Die Stimmung auf dem Dorfplatz

Irgendwann im späteren Nachmittag, merkte ich, dass mein Körper nun wirklich nicht mehr mag und entschloss mich komplett zurück zu ziehen. Aber auch nur, weil Isaac mich dazu motivierte. „Es ist okay wenn du jetzt ins Zimmer gehst“, meinte er. Damit ich Skyah nicht tragen musste, begleitete er mich zum Haus. Skyah wollte aber nicht ins Zimmer und ich versuchte sie auch nicht davon zu überzeugen. Klangheimlich hoffte ich, dass Isaac auf die Idee kommt, dass er sie ja mitnehmen könnte. Tatsächlich nahm er sie nach ein wenig zögern mit, damit ich mich hinlegen konnte. Als ich mich dann endlich aufs Bett legte, spürte ich meinen Körper wieder. Wow, ich hatte es total übertrieben. Innert Sekunden schlief ich ein, währenddessen Silas wieder einmal am Handy spielte. Wie so oft wenn ich Fieber habe, wachte ich ständig auf, mein Schlaf war sehr unruhig und mein ganzer Körper machte sich nun spürbar. Irgendwann kam dann auch Isaac wieder zurück und meinte, dass Skyah die ganze Zeit weinte und zu mir wollte. Es wurden Familienbilder gemacht und alle hatten nach mir gefragt. Nun war es Zeit zum Essen. Appetit, hatte ich wie so oft keinen und deshalb entschied mich, dass ich weiterschlafen wollte. Die Kinder gingen mit Isaac in den Vorhof vom Haus, damit sie vor dem Schlafen noch etwas essen konnten. 

Und so endete der letzte Tag der dreitägigen Ashanti Beerdigung. Wie ich mich heute erinnere, hatte ich an diesem Abend sehr viele Gedanken, welche ich eigentlich aufschreiben wollte, jedoch einfach keine Kraft dazu hatte. Oftmals wünsche ich mir, dass ich diese Kraft noch gehabt hätte. Was ich heute darüber denke? Ehrlich gesagt habe ich lange und immer wieder darüber nachgedacht und eine klare Antwort habe ich nicht. Einige dieser Gefühle, Gedanken und Erlebnisse habe ich einfach vergessen und manchmal – denke ich – ist das auch besser so. Wenn ich zurückdenke bin ich oftmals sprachlos, weshalb es mir auch sehr schwer fiel, diese Geschichte der Beerdigung doch noch fertig zu erzählen.  

Ist das jetzt nun das Ende von meinem Blog? Nein, ich habe natürlich noch ein paar Erlebnisse vorgeschrieben und werde diese später noch Online stellen. 

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