Die Reise endet hier

Und doch geht sie irgendwie weiter….

Nachdem wir vom Dorf zurückkehrten, hatte ich noch einiges zu erledigen. Wie zum Beispiel Koffer packen, noch ein paar Kleidungsstücke nähen lassen und die Zeit zusammen als Familie ein letztes Mal zu geniessen. Unsere letzte Woche in Ghana war wirklich schön, aber irgendwie auch ziemlich emotional. Es waren vier sehr anstrengende Monate, oftmals war ich an meinem Limit und stand mehrere Male kurz vor dem Zusammenbruch. Oft fragte ich mich, wie ich das alles überstehen soll. Zwar hatte ich auch einige schöne Momente und diese genoss ich auch immer wieder ganz bewusst. Zu meinem Glück bin ich jemand, der immer wieder nach schönen Momenten sucht. Denn ich bin überzeugt, dass wir aus jedem Erlebnis, in jeder Begegnung immer etwas mitnehmen – etwas dazulernen und etwas daraus entnehmen können.

Meine letzte Woche in Ghana war auch die letzte Woche vom Jahr 2021. Denn unser Flug in Richtung Amsterdam war bereits am 31.12.2021 und wir verbrachten Neujahr im Flugzeug. Ein Erlebnis für sich, hierzu aber später. In der letzten Woche erlebten wir praktisch jeden Tag etwas „einzigartiges“. Zum Beispiel löste ich endlich mein Versprechen ein und bereitete selbstgemachte Pizza zu und wieder hatten wir viel zu lachen. Denn es wäre nicht Ghana, wenn alles nach Plan laufen würde. Das Experiment Pizzastein auf dem Coalpot scheiterte mehr oder weniger (siehe Bild). Die Pizza war dennoch gut. Dann liessen wir Feuerwerke knallen und es war lustig mit anzusehen wie die Erwachsenen fast mehr Freude hatten als die Kids. Ein Abend bleibt mir besonders gut in Erinnerung, als wir nach dem Abendmahl unsere Hüfte manche mehr ich eher weniger im Rhythmus schwingten. Die Stimmung war so unbeschwert und ich liebe unbeschwerte Momente, wo man sein Lachen nicht mehr aus dem Gesicht kriegt.

Mission failed: zuerst brach der Pizzastein und dann auch noch die Fliesse wegen der Hitze
Tanzen im Wohnzimmer
Unter Beschuss

Dann gingen wir zum Mall und die Kinder durften endlich auf den langersehnten Spielplatzbesuch. Ich hingegen gönnte mir in dieser Zeit eine Auszeit und setzte mich in ein Kaffee und beobachtete die Menschen um mich herum. Ach, wie ich das liebe. Einfach zu sein und die Menschen um mich herum zu beobachten. An unserem letzten Abend, bevor unser Flug ging, besuchten wir ein total leckeres chinesisches Restaurant in der Nähe vom Flughafen.

Vor Joana’s Shop, bevor wir zum Mall gingen
Auf dem Spielplatz vom Mall
Vor dem chinesischen Restaurant
Essen ohne Ende

Irgendwann war es dann soweit und wir mussten uns auf den Weg Richtung Flughafen machen. Wieder einmal befand ich mich in einer Achterbahn der Gefühle. Glücklich, endlich wieder mehr Freiheit zu haben, meine Familie und Freunde wieder zu sehen und mehr Unterstützung zu haben. Traurig, da alles so enden musste. Erleichtert, da ich endlich loslassen konnte. Nervös, weil ich eine so lange Reise mit äusserst kurzer Umsteigezeit mit zwei Kindern alleine machen musste und irgendwie Vorfreude, da ich spürte, dass eine spannende Zeit auf mich wartete. Als ich mich von meinen Neffen vor dem Flughafen verabschieden musste, fühlte ich wie ich meine Tränen zurückstecken musste. Sie sind mir ganz schön ans Herz gewachsen, obwohl es oftmals sehr anstrengend war, Mutter von vier Kindern zu sein. Als wir alle (viel zu schweren Koffern) eingecheckt haben, war es soweit. Isaac musste sich von uns verabschieden und es zerriss mir das Herz, zu zusehen wie er sich von seinen Kindern verabschiedete. Als er mich ein letztes Mal in den Arm nahm, bedankte und entschuldigte er sich bei mir und da strömten sie aus mir hinaus. Die Tränen, welche ich mit aller Kraft versuchte zurück zu halten. Meine Worte blieben mir im Hals stecken und ich wollte einfach nur noch gehen.

Da wir noch durch die Pass- und Sicherheitskontrolle mussten, winkten wir ihm ein letztes Mal zu und liefen Richtung Passkontrolle. Dort fiel mir ein, dass ich ja noch ein Formular ausfüllen musste, also tat ich das noch schnell. Die Kinder waren ungeduldig und ich war bereits gestresst, bevor die Reise überhaupt losging. Irgendwie klappte es dann doch noch und wir konnten problemlos durch die Pass- und anschliessend die Sicherheitskontrolle gehen. Beim Gate angekommen kaufte ich mit meinen letzten Ghana Cedis noch zwei Muffins und Wasser für im Flugzeug. Geht euch das auch immer so? Dass wenn ihr über Nacht fliegt die Luft immer total ausgetrocknet ist? Seit mir das bewusst ist, kaufe ich vorher immer genügend Wasser, damit ich nicht immer bei den Stewardessen nachfragen muss. Unser Flug hatte eine Stunde Verspätung und irgendwie war ich gestresst, denn in Amsterdam hatte ich nur eine Stunde Umsteigezeit. „Naja, es ist nun mal so, mich davon stressen zu lassen bringt mir nun auch nichts, denn Stress macht die gesamte Situation nur noch schlimmer“, dachte ich mir und verschwendete keine Energie mehr an diese Gedanken.

Es war bereits nach 23:00 Uhr als unser Flieger startete und die Kinder warteten nicht lange und schliefen ein. Zu meinem Glück schliefen sie den gesamte Flug durch. Irgendwann vor 00:00 Uhr liefen die Stewardessen mit Champagner durch die Gänge und schenkten ihn den Gästen aus. Natürlich lehnte ich nicht ab und stosste auf das neue Jahr an. Es war ein gutes Gefühl, das neue Jahr wird bestimmt herausfordernd sein. Ich bin nicht mehr dieselbe Rahel, welche vor vier Monaten nach Ghana reiste. Mein Leben wird von nun an anders sein. Denn ich spürte, dass ich genau so sein darf, wie ich mich fühle. Ich bin gut so wie ich bin. Diese Entscheidung mich selbst zu sein, wird auch die richtigen Veränderungen mit sich bringen. Wie bereits in einem früheren Artikel erwähnt (hier) bin ich für mein Glück selber verantwortlich und glücklich kann ich nur dann sein, wenn ich mir den nötige Raum gebe, mich selbst zu sein. Und genau das werde ich in Zukunft tun. Mich selbst sein und mich genau so leben lassen, wie es sich für mich richtig anfühlt ohne zu viele Gedanken zu verschwenden, was andere davon halten könnten.

In Amsterdam sind wir mit 20 Minuten Verspätung gelandet. Die Umsteigezeit betrug also noch genau 40 Minuten, was sehr wenig war. Wie ich später erfuhr, musste ich nochmals durch die Sicherheitskontrolle. Glücklicherweise war diese Top-Modern und man konnte einfach alles auf das Band legen ohne die Elektrogeräte oder sonst was aus den Taschen zu nehmen. Nun stellt mich einmal vor: Ich mit Skyah (ca. 12kg) auf dem Rücken, mein schwerer Rucksack mit all meinem schweren Fotoequipment vorne, Silas (ca. 20kg) im kleinen Kinderwagen und hinten beim Kinderwagen den Autositz von Skyah befestigt. Die Last war so schwer, die Distanz ganz schön weit. Also blieb mir nichts anderes übrig als einfach zu rennen. Die Füsse kriegte ich irgendwann fast nicht mehr hoch. Das Atmen unter der Maske fiel mir schwer. Wie viel Zeit ich noch hatte? Keine Ahnung, denn ich hatte keine Zeit oder überhaupt Kraft um auf meine Uhr zu blicken. Es war das allerletzte Gate, der Weg kam mir endlos vor.

Beim Gate angekommen, war das Flugzeug bereits nicht mehr angedockt, jedoch stand es immer noch da. „Oh nein, nein, nein, neeeein“, dachte ich mir. Zu meinem Glück durfte ich dennoch einsteigen. Der Mann vor dem Flugzeug, der fürs Gepäck zuständig war, schrie mich an und wollte mir meinen Autokindersitz (ohne Etikett) zu den anderen Gepäcke bringen. Als ich ablehnte, wurde dieser noch wütender und meinte: „Wir sind bereits viel zu spät, wir haben keine Zeit für solche Sachen.“ Da erwiderte ich völlig verschwitzt und ausser mir: „Nur weil sie gestresst sind, haben Sie noch lange nicht das Recht mich so anzuschreien. Sie wissen gar nicht, was ich gerade für einen Marathon hinter mir habe.“ Die Tränen schossen wieder einmal hoch, denn viel Nerven hatte ich nicht mehr. Also liess er mich mit meinem Kindersitz durch und ich konnte mich endlich in den Flieger setzen.

Nun kann nichts mehr schief gehen, endlich sitze ich im Flieger Richtung Zürich. Meine Mutter wird mich abholen und warme Kleidung mitbringen. Der Flug nach Zürich verging total schnell und obwohl ich total übermüdet war, funktionierte ich immer noch. Eventuell nicht ganz so geduldig mit meinen Kindern wie sonst, aber ich funktionierte. Am Flughafen angekommen holten wir unsere Koffern (die kamen super schnell, da sie wohl als letztes in den Flieger gebracht wurden). Als wir beim Terminal 1 ankamen, konnte ich meine Mutter nirgends sehen. Meine SIM-Karte hatte ich leider in Ghana verloren und das W-Lan am Flughafen funktionierte nicht, resp. fand ich meine Boardkarte zum einloggen nicht mehr. Also lief ich umher, um nach einem Telefon zu suchen. Glücklicherweise fand ich eines und konnte meine Mutter erreichen, damit ich ihr mitteilen konnte, wo ich mich befand. Und da kam sie auch schon angelaufen, endlich!

Was für ein schönes Panorama, so stelle ich mir die perfekte Landung vor. Denn ich liebe die Sonnenauf- und untergänge, geschmückt mit den Wolken.

Ich war einfach nur froh, endlich in ihren Armen zu sein. Meine Kinder in ihren Armen zu sehen. Endlich angekommen zu sein.

Endlich angekommen

Wie ich die weiteren drei Monate erlebt habe, werde ich eventuell irgendwann mit euch teilen. Dann wenn ich mich bereit dazu fühle – eventuell auch gar nie.

Nun möchte ich mich bei euch allen bedanken. Alle die immer fleissig mitgefiebert haben. Schön, dass ihr meine Artikel bis hierhin gelesen habt. Danke für die vielen Feedbacks. Ob und wie ich diesen Blog weiterführen werde, weiss ich noch nicht.

Lasst euch überraschen.

2 Kommentare zu „Die Reise endet hier

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