Muster aufarbeiten

Was für ein Kapitel! Lange war es ruhig um mich, doch in meinem Kopf so laut, dass ich nicht mehr wahrnehmen konnte, was eigentlich meine eigene Stimme ist und welche Stimmen von aussen, welche meine Gedanken und Gefühle beeinflussten. Die Reise nach Ghana hat mein Leben komplett auf den Kopf gestellt. Ich habe mein gesamtes Leben in Frage gestellt. Was bin ich, wer bin ich? Wie sehr wurde ich durch mein Leben, wie ich aufgewachsen bin, was für Menschen ich begegnet bin, beeinflusst?

So viele Fragen schwebten in meinem Kopf – diese für mich zu sortieren – ein Ding der Unmöglichkeit. Irgendwann waren meine Stimmungsschwankungen so extrem, dass ich in einem Moment inspiriert, voller Lebensfreude war und Vertrauen in die Zukunft hatte und im nächsten Moment voller Ängsten, Trauer, Wut und Missverständnis. Irgendwann war ich grösstenteils nur noch mit einem Gefühl der Leere da. Mir wurde bewusst: „Und jetzt brauche ich Hilfe und höre auf damit, alles allein stemmen zu wollen.“ Also suchte ich nach einer Psychologin. Ich verbrachte Stunden auf verschiedenen Webseiten und irgendwie wollte ich einfach keine davon anrufen. Keine dieser vermutlich guten Psychologinnen waren gefühlsmässig die richtigen für meine Baustellen. Also liess ich, mit dem Wissen, dass ich eigentlich Hilfe benötige, alles nochmals schweifen.

Es war an einem Abend als ich mit einer Freundin an eine Party ging. Normalerweise gehöre ich nicht zu den Partygängern. Lieber verbringe ich Zeit mit meinen Freunden irgendwo zuhause bei einem leckeren Essen und faszinierenden oder inspirierenden Gesprächen anstatt irgendwo in einem Club, mit lauter Musik und betrunkenen Gästen. Da ich jedoch gezielt immer wieder Sachen, die ich eigentlich nicht mag, eine Chance geben möchte, ging ich trotzdem. Es war eine super angenehme Sommernacht und wir sassen beim Eingang vor der Bar und schlürften unsere Cocktails, als sich plötzlich eine Frau zu uns an den Tisch setzte. Sie atmete tief ein und fragte nach einer Zigarette und meinte: „Eigentlich rauche ich ja nicht mehr, aber ich habe gerade meinen Typen mit einer anderen gesehen.“ Und schon war das Gespräch eröffnet. Keine unnötigen Smalltalks, wir gingen schnell tief ins Gespräch. Sprachen über Männer, Frauen und Beziehungen im Allgemeinen. Über die Sterne, unsere Sternzeichen und deren Auswirkungen. Und da sagte sie diesen eine Satz, welcher der Anfang meines neuen Kapitels war. „Ich hatte so viele Muster aus meiner Vergangenheit und konnte so viele davon aufarbeiten und er (ihr Typ) blieb in seinen Mustern stehen.“

„Du konntest deine Muster aufarbeiten und auflösen? Wie hast du das gemacht?“ fragte ich, „ich möchte das auch.“ Da erzählte sie mir von ihrer Kinesiologin, welche mit ihrem Unterbewusstsein arbeitet, wodurch sie immer wieder getriggert wird und sie aber genau deshalb nach jeder Sitzung diese Leichtigkeit spürt und sich ihr Leben seither stark veränderte. Ich fragte nach ihrer Nummer, denn genau dort wollte ich auch hin. Wir hatten noch einen tollen Abend und da trennten sich unsere Wege wieder. Gleich am nächsten Tag griff ich nach meinem Natel und wählte die Nummer dieser Kinesiologin. Die gesamte Terminabwicklung machte mich stutzig und kurz vor meinem Termin wollte ich ihn auch fast noch absagen. Da es so oder so schon zu spät war und ich die Sitzung sowieso hätte zahlen müssen, ging ich trotzdem. Vor Ort angekommen kam ich in diesen Raum mit einem riesigen Buddha in der Ecke und spezieller Musik. „Was hast du dir nur dabei gedacht, Rahel“, dachte ich mir. Als dann die Kinesiologin im Raum erschien, erloschen alle meine Vorurteile. Ab dem Moment hatte ich so ein Gefühl von; „Hier bin ich genau am richtigen Ort.“ Und so war es auch. In der ersten Sitzung stellte sie Fragen (obwohl sie eigentlich noch gar nichts von mir wusste) welche genau ins Schwarze trafen.

Nun gehe ich bereits einige Monate zu dieser wunderbaren Frau, viele Tränen sind gefossen, einige Male dachte ich mir: „Lass mich in Ruhe, wie wagst du es so etwas zu sagen“ Ja, sie erwischte einige Triggerpunkte bei mir und sie liess nicht locker die Ursache dafür zu finden. Und genau aus dem Grund, da diese Frau so enorm ehrlich und doch so einfühlsam ist und immer wieder genau die richtigen Stellen trifft, um alte Wunden hervorzuholen, gibt es mir immer wieder die Möglichkeit in ihrer Sitzungen Heilung zu finden. Über die Jahre hatte ich immer mehr das Gefühl, dass ich meine eigene Stimme verloren habe. Wie im Buch von „Tuesdays with Morrie“ von Mitch Albom beschrieben, war ich einer dieser schlafwandelnden Menschen, welche zwar immer wieder aktiv war, aber irgendwie doch nicht so richtig am Leben. Immer wollte ich es allen recht machen und stellte dabei meine eigenen Bedürfnisse hinten an. Wie wollte ich denn da noch wissen, was ich selbst denn eigentlich wollte? Eines Tages sagte sie mir, dass ich das nächste Mal, wenn ich die Möglichkeit habe, lautstark schreien soll. Damit ich für all die Male als ich nichts sagte, dies so zum Ausdruck bringen kann. Gleich nach dieser Sitzung, als ich im Auto sass, schrie ich auf einer Landstrasse lautstark los. Und ich muss zugeben, obwohl ich allein im Auto war, ohne irgendein anderes Auto in der Nähe, war ich zuerst blockiert. Es brauchte tatsächlich Überwindung aus dem nichts loszuschreien. Und als ich es dann trotzdem tat, fühlte ich mich heiser, aber dennoch unglaublich gut. Irgendwie erlöst.

Seitdem sind bereits wieder einige Wochen oder sogar Monate vergangen und ich kann behaupten, dass ich meine eigene Stimme in meinem bewussten Leben noch nie so gut wahrgenommen habe wie im Moment. Es bereitet mir oft noch Mühe zu fühlen, was ich genau will und meine eigenen Bedürfnisse an erster Stelle zu nehmen. Aber es fällt mir zumindest definitiv viel einfacher zu hören, was ich nicht mehr will. Grenzen setzen? Geht besser, aber immer noch ein schwieriges Thema.  So schön wie ein ehemaliger Arbeitskollege immer sagte: „Eines nach dem Anderen.“ Und dazu habe ich auch gleich noch ein schöner Spruch, welcher meine Tante vor kurzem in ihrem Status teilte: „Wenn dir mal wieder alles über den Kopf wächst, konzentriere dich auf den nächsten Atemzug und den nächsten Schritt. Denn letztendlich setzt sich dein Leben genau daraus zusammen: Einatmen, Ausatmen, Schritt für Schritt.“

Und so wünsche ich euch allen, dass ihr mehr auf eure innere Stimme hört, herausfindet was euch wichtig ist und auf was ihr verzichten resp. nicht mehr länger mit euren Bedürfnissen vereinbaren könnt. Dass ihr Hilfe holt, wenn ihr das Gefühl habt, dass es allein nicht mehr geht. Euch anderen Menschen anvertraut. Denn eines wurde mir auf dieser Reise bewusst, wenn ich mich öffne, dann öffnen sich die anderen auch und daraus konnten faszinierende, inspirierende und heilende Gespräche stattfinden. Denn meiner Meinung nach begegnen wir Menschen und Situationen aus einem bestimmten Grund und wenn wir mehr auf die Zeichen hören, können wir an wunderschöne Orte, Personen und Erlebnissen geführt werden. Zumindest für mich fühlt es sich so an. Ich habe das Gefühl, seitdem ich besser hinschaue und lernte loszulassen und somit auch mehr annahm, dass sich mein Leben in eine komplett andere Richtung entwickeln konnte. Ich fühle mich viel weniger am falschen Ort und viel mehr genau richtig.

Hier ein Video, welches ich zu diesem Thema auf meinem Instagram Profil hochgeladen habe:

3 Kommentare zu „Muster aufarbeiten

  1. Liebe Rahel

    Herzlichen Dank für deinen Einblick in deine persönliche Welt. Das Leben ist immer wieder eine Achterbahn und wirft uns ab und zu raus aus den gesellschaftlichen Normen! Wichtig ist, wie du so schön sagst, bleibe deinem Inneren treu! Höre darauf und folge deinem Ziel, egal was auf diesem Weg passiert. Jeder Mensch ist einzigartig! Viel Glück weiterhin beim Aufarbeiten und Verarbeiten!

    Herzliche Grüsse Irene

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    1. Danke für die lieben Worte, es hat mich gefreut von dir zu lesen. Du hast Recht, jeder Mensch ist einzigartig und es wäre schön, wenn wir uns alle mehr von diesen gesellschaftlichen Normen lösen könnten. Manchmal aber gar nicht so einfach 🙂 aber eben, Schritt für Schritt!
      Liebe Grüsse Rahel

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